Die Männer kamen in Überkleidern und mit ernsten Mienen: Am 17. Mai öffneten sie zum ersten Mal wieder die Tür zur ehemaligen Galvanikfabrik Jean Jungen SA an der Bürenstrasse 26 in Biel. Eine Tür, die sie fünf Jahre vorher eigenhändig geschlossen hatten, in der Meinung, sämtliche gefährlichen Stoffe aus dem stillgelegten Betrieb entfernt zu haben.

Was sie sehen, belehrt sie eines Besseren. In der heruntergekommenen Liegenschaft liegt ein unangenehmer Geruch in der Luft: Chemikalien. Der Boden ist übersät mit Abfällen, Schrott und Werkzeugen. Die Rohre an der Decke sind vom Rost zerfressen. Im ersten Stock stehen noch die Bäder, in denen früher vor allem Uhrenbestandteile galvanisiert, also mit einer schützenden Metallschicht versehen wurden. Sie sind leer. Jede Wanne ist mit einem Aufkleber versehen, auf dem der ehemalige Inhalt vermerkt ist: Nickel, Nickellaugen, Salzsäure, eine Entfettungsflüssigkeit. Auf einigen Zetteln steht «Unbekannt». Von draussen hört man das Rauschen der Schüss, die zehn Meter neben der Fabrik vorbeifliesst.

Die Kinder und Jugendlichen aus der Umgebung haben die 1996 stillgelegte Fabrik längst als attraktiven Spielplatz entdeckt. Anwohner berichten, wie immer wieder Halbwüchsige durch die zerschlagenen Scheiben in das nur notdürftig abgesperrte Gebäude einsteigen.

Ein hochgefährlicher Spielplatz. Als ihr neunjähriger Sohn Shelby mit Metallstücken aus der Fabrik nach Hause kam und von Säcken mit Totenkopfsymbolen berichtete, alarmierte Anwohnerin Gabriele Zimmermann den Beobachter. Als Folge von dessen Recherchen kam es am 17. Mai zum Augenschein. Mit dabei: Urs Bürgi vom kantonalen Amt für Gewässerschutz und Abfallwirtschaft und Heinz Krähenbühl vom Bieler Stadtchemikeramt. Sie waren auch anwesend, als Anfang 1997 die Galvanikbäder entsorgt wurden. Jetzt finden sie mitten im Chaos von Abfällen, Kartons und zerstörten Computern unübersehbare Reste der zum Teil hochgiftigen Chemikalien.

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Gespenstische Gefahr im Keller
In einem kleinen Raum im Untergeschoss etwa stehen zwei umgekippte Fässer, in denen einst Zinnchlorid aufbewahrt wurde, ein Stoff der Giftklasse 2. Sie sind mit Abfällen gefüllt, in denen zu wühlen kaum ratsam sein dürfte. Davor Säcke mit Aufschriften wie «Nickelchlorid» und «Nickelsulfat». Gemäss einem Sicherheitsblatt der Weltgesundheitsorganisation können beim Kontakt mit Nickelsulfat Haut, Augen und Atemwege gereizt werden. Bei einer längeren Exposition drohen Asthma und sogar Krebs.

Bei ihrem Rundgang stossen die Experten auch auf vier offene, teils zerplatzte Säcke. In einem befindet sich Elektrokorund, ein «relativ harmloses» Schleifmittel. Bei drei Säcken hingegen ist der Inhalt nicht auf den ersten Blick festzustellen.

«Keine unmittelbare Gefahr»
Kurz darauf kommt es zu einer zweiten Begehung, und der Kanton lässt per Medienmitteilung verlauten: Es bestehe «keine unmittelbare Gefahr»; die Beamten hätten zwar «verschiedene Säcke und Fässer mit Giftetiketten vorgefunden, sie waren jedoch mit Ausnahme eines Fässchens alle leer». Allerdings taucht im Hinterhof noch ein Azetonfass auf, das bei der ersten Räumung 1997 «offensichtlich übersehen» worden war. Ausserdem stossen die Beamten auf «insgesamt rund 1000 Liter Maschinenöl».

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Der Kanton lässt verlauten, dass man «alle gefundenen Chemikalien nun ordentlich entsorgt» habe. Das ist schon die zweite Entsorgung. Die erste fand 1997 statt – auf Rechnung der Stadt Biel. Die Übung kostete genau 124622 Franken. Patron Jean Jungen, der die in den dreissiger Jahren gegründete Firma seit 1971 geführt hatte, hatte sich ins Ausland abgesetzt. Ein Versuch, von Jungen die Kosten für die Entsorgung einzutreiben, scheiterte unter anderem an fehlenden Rechtsgrundlagen.

In einem Brief an den Bieler Gemeinderat hatte der Bankrotteur nach dem Konkurs geschrieben, dass er sich das Leben in der Schweiz nicht mehr leisten könne: «Ich bitte Sie, sich um die Sicherheitsprobleme im Zusammenhang mit dem Gebäude zu kümmern, und ermächtige Sie, sämtliche notwendigen Vorkehrungen zu treffen, insbesondere zur Beseitigung der Abfälle.» Seither lebt Jungen in Frankreich und will mit seiner ehemaligen Firma nichts mehr zu tun haben.

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Auch ein Versuch des Konkursamts, die Fabrik zu versteigern, scheiterte im Herbst 1999. Das vom Amt festgesetzte Mindestgebot für die ganze Liegenschaft betrug einen Franken. Aber nicht einmal die Berner Kantonalbank als Hauptgläubigerin der bankrotten Firma mochte darauf einsteigen. Die Angst, nach der Übernahme Millionen in die Sanierung des wahrscheinlich stark mit Altlasten verseuchten Geländes stecken zu müssen, war zu gross.

Auf der Suche nach einer geeigneten Deponie für das unbeliebte Dossier zeigte sich die Stadt Biel besonders innovativ: Das Geschäft wurde an das Vormundschaftsamt delegiert mit der Aufforderung, einen so genannten Verwaltungsbeistand zu ernennen. Mit Beschluss vom 15. Mai 2000 entschied sich das Amt aber gegen diesen Schritt, «weil dazu kein Anlass besteht», wie Amtsvorsteherin Marie-Line Vuilleumier erklärt: «Weil niemand die Liegenschaft ersteigert hat, ist sie wieder der in Liquidation stehenden Aktiengesellschaft zugefallen und somit nicht herrenlos.» Nur: Die abgetakelte Fabrik gehört einer Firma, die es gar nicht mehr richtig gibt und deren eigentlicher Besitzer – Jean Jungen – nichts mehr davon wissen will.

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Auch die kantonalen Behörden lassen wenn immer möglich die Finger von dieser heissen Angelegenheit. Eine erste Untersuchung des Geländes auf mögliche Altlasten im Boden fand erst im Herbst 2001 statt – volle drei Jahre nach dem Inkrafttreten der Altlastenverordnung, die die Kantone zur Erfassung und Anordnung von Sanierungsmassnahmen verpflichtet. Erste Resultate von zwei Sondierbohrungen liegen jetzt vor. Für die Anwohnerinnen und Anwohner bestehe keine Gefahr, sagt Olivier Kissling, Sachbearbeiter beim kantonalen Amt für Gewässerschutz und Abfallwirtschaft: «Wer dort wohnt, wird wegen dieser Fabrik nicht krank.»

Noch nicht definitiv untersucht sind aber die Proben aus dem Grundwasser – und der vermutlich am stärksten belastete Teil des Geländes: das Erdreich unter dem Fabrikationsgebäude. Dort befindet sich laut Patron Jungen eine ehemalige Sickergrube, in der zwischen 1933 und 1983 sämtliche, zum Teil hochgiftigen Abwässer der Fabrik gesammelt wurden: «Zweimal im Jahr kam dann ein Spezialwagen der Stadt und saugte den Bodensatz ab.» Immerhin lässt der Kanton nun in seiner Medienmitteilung verlauten, erste Messungen hätten ergeben, «dass das Grundwasser durch die Hinterlassenschaft der Firma nicht beeinträchtigt wird».

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Welche Chemieleichen noch im Untergrund liegen, wird voraussichtlich im kommenden Herbst untersucht. Die Umweltorganisation Greenpeace fordert aufgrund der Beobachter-Recherchen eine umfassende Sanierung der Liegenschaft. Bis dahin kann es aber noch dauern: Falls es sich tatsächlich um eine Altlast handelt, so Kissling, werde man nämlich zuerst abklären müssen, wer denn jetzt eigentlich für diese Sanierung zuständig sei.