Noch selten war die Gesundheit unserer Volksvertretung ein so krankhaft abgehandeltes Thema wie in diesen Tagen. Sonst spricht man im Parlament ausschliesslich von unseren kranken Kassen; diesmal wollte man an der Sessiun in Flims etwas für deren Genesung machen und fitten, was das Zeug hielt. Wenn schon unser Gesundheitssystem so krank ist, sollten wenigstens die Krankenpolitiker etwas für die Gesundheit tun.

Die Medien verwöhnten uns also mit Bildern und Berichten von Räten in Bademänteln auf dem Weg zu den Wellnessbereichen ihrer Flimser Hotels, beim Velofahren über Bündner Passstrassen und sonstigen munteren Leibesübungen. Erst ganz zum Schluss hiess es, den Parlamentariern sei vor lauter Debatten kaum Zeit für die Wellness geblieben - bei den gezeigten Beispielen habe es sich um Ausnahmen gehandelt. Es war also wie immer in der Gesundheitspolitik: Vor lauter Parlieren blieb keine Zeit für die lautstark angekündigten Taten.

Auch die Flimser Bevölkerung debattiert über die Gesundheit - und zwar über diejenige ihrer «Badewanne». So nennen sie dort oben in spöttischen Momenten ihren geliebten Caumasee. Und dieses idyllische Seelein mitten im Wald soll trotz all seiner Schönheit schwer krank sein. Der Pegel des Sees sei in den letzten Jahren stark gesunken, behaupten die einen und dementieren die anderen - und niemand weiss, warum sich das Wasser denn plötzlich rar machen sollte.

Im Verdacht hat man die Bautrupps, die einen Umfahrungstunnel um Flims herum bohrten und dabei vor vier Jahren eine unterirdische Quelle anzapften; deren Wasser soll jetzt im See fehlen. Aber bewiesen ist das alles nicht. Der Caumasee ist nämlich so geheimnisvoll wie die Schweizer Politik: Er hat nur unterirdische Zu- und Abflüsse, und es ist nicht ganz klar, wie das funktioniert. Niemand weiss genau, was wann woher wohin fliesst und wo es schliesslich versickert. Im Zusammenhang mit unserem nationalen Parlament denkt man da spontan an Subventionen. Und in diesen Räten ist man sich ja auch durchaus gewohnt, beim Legen der Leitungen für die Unterstützungsgelder einander das Wasser abzugraben.

Seit den jüngsten Volksabstimmungen ist auch die Humanität spurlos im schweizerischen Boden versickert. Aber sogar unserem Justizminister ist seine ausländerfeindliche Propaganda vor der Abstimmung jetzt offenbar ein wenig peinlich. Drum flitzte Christoph Blocher schnell von seinem Schlösschen Rhäzüns zu Füssen des Flimser Felskegels nach Ankara, um gemeinsam mit den türkischen Nationalisten auf der rassistischen Tastatur herumzuklimpern. So ist wenigstens eine Ausländergruppe mit ihm zufrieden. Und zu Hause weiss er Volkes Stimme auf seiner Seite. Wer das Volk hinter sich hat, braucht sich nicht um die Menschen zu kümmern.

Quelle: Gion Schneller