Winter wirds, das Eis darf zurück an die Sonne. Ein besonders weisses Stück des Gurschengletschers am Gemsstock ob Andermatt taucht aus seinem sommerlichen Schutzhüllenasyl auf. Im Frühling hatte man hier rund 2500 Quadratmeter Eis mit Folie abgedeckt, um es vor dem schnellen Abschmelzen zu bewahren. Jetzt, in den kühler werdenden Zeiten, da sich alle anderen in wärmende Hüllen einwickeln, werden die Gletscher für den Winter ausgepackt.

Und siehe da, es hat genützt: Das abgedeckte Eisstück hat die heisse Sommerzeit wesentlich besser überstanden als seine nackten Kollegen. Laut den beobachtenden Fachleuten ist das Eis hier nur um etwa einen Drittel des Üblichen geschmolzen. Und gleich unter dem weissen, sauber glitzernden Stück die schmutzige Natur, der Gletscher ohne den besonderen Schutz – grauschwarz mit tiefen Rissen und Schründen.

Ein Geschenkpäckli für Mutter Natur haben die Andermatter Verantwortlichen da also geschnürt – oder vielleicht doch eher für Skifahrer und Tourismusmanager. Denn ein wegschmelzender Gletscher taugt nicht für den Wintersport. Dass in der Umweltdiskussion Päcklipolitik gemacht wird, ist keine grosse Überraschung: Es geht da nicht um Umweltschutz, sondern um Umsatzschutz. Um die zahlenden Gäste aus der Ferne weiterhin erfolgreich auf die tief verschneite schiefe Bahn locken zu können, ist den Verantwortlichen kein Verhüllungsvlies zu teuer.

«Der Spiegel» fühlte sich bei der Verpackungsaktion im Frühling an ein Kunstwerk von Christo erinnert. Kunsthistorisch hat das durchaus seine Berechtigung. Als erstes Gebäude verhüllte Christo schliesslich im Jahr 1968 die Berner Kunsthalle, und die liegt gleich neben dem Alpinen Museum. Jetzt haben alpine Jünger Christos die Fortsetzung an den Gemsstock verlegt.

Und überall hinaus ins Land, wäre beizufügen. Schliesslich war vor kurzem Zügeltermin, und da werden jeweils Verpackungsorgien gefeiert, die Christo fast bescheiden aussehen lassen. Ich habe es eben am eigenen Mobiliar erlebt: Da wurde jedes Möbel eingepackt, als müsste es auf ewige Zeiten vor der Lackschmelze bewahrt werden. Am Ende lagen Berge von Verpackungsmaterial in der Wohnung herum, mit denen man ganze Gletscher hätte abdecken können. Vielleicht gründe ich damit mein eigenes Skigebiet.

Auch nächsten Sommer werden der verletzten Natur in den Skiregionen wieder ein paar Eisbeutel zur Symptombekämpfung aufgelegt werden. Vielleicht könnte man eine solche hochwirksame Schutzfolie auch über unsere Bundesfinanzen ausbreiten. Die schmelzen mindestens so zügig dahin wie unsere Gletscher. Auch im Winter.

Quelle: Andermatt Gotthard Sportbahnen