Die Kleinen kommen. Auf dem Berg Kamor in der Ostschweiz versammelten sich die Gemeindepräsidenten der jeweils kleinsten Gemeinde aus der Schweiz und ihren fünf Nachbarländern. Mit dabei waren die Präsidenten von Ornes (Frankreich, 6 Einwohner), Corippo (Schweiz, 23), Morterone (Italien, 27), Gramais (Österreich, 53), Reussenköge (Deutschland, 365) und Planken (Fürstentum Liechtenstein, 371).

Zusammengeführt hatten sie die Zwillingsbrüder Frank und Patrik Riklin, die in St. Gallen das «Atelier für Sonderaufgaben» betreiben. Die beiden Künstler wollten mit diesem Gipfeltreffen der besonderen Art, dem Kamor-Gipfel der sechs Kleinen alias K-6, ein Gegengewicht zu den politischen Gipfeln der G-8, der mächtigsten Wirtschaftsmächte der Welt, setzen. Für einmal sollten die Kleinen gross rauskommen. Als sie auf der Gipfelfotografie die sechs Gemeindepräsidenten einrahmten, machten sie den K-6 zum K-8 und brachten so viele Leute ins Bild wie die Grossen am G-8.

Auf dem Kamor durfte für einmal der Kleinste der Grösste sein. Die grösste der sechs Minigemeinden war nämlich ausgerechnet jene aus dem kleinsten Land – Planken im Fürstentum Liechtenstein mit stolzen 371 Einwohnern. Ihr Präsident war auch der Einzige, der vom Berg Kamor aus sein Dorf nicht aus den Augen verloren hatte. Die kleinste der vertretenen Gemeinden liegt in der Grande Nation. Dass Ornes in Lothringen, respektive im Departement Meuse, in den Vorschauen auf das Ereignis sechs Einwohner zählte, in den Berichten nach der Veranstaltung aber nur noch vier, gab allerdings einigen Anlass zur Besorgnis. Bei der zweiten Zählung weilte der Gemeindepräsident mit Begleitung wahrscheinlich gerade in der Ostschweiz. Sonst wäre ein Bevölkerungsrückgang um 33 Prozent in einer Woche doch ziemlich beängstigend.

Das Ganze war ein echt schweizerischer Anlass: Wir Kleinen müssen zusammenhalten, und das geht am besten mit den noch Kleineren. Dann sind wir plötzlich bei den Grossen. Und wenn wir aus der grossen EU nur gerade die kleinsten Gemeinden holen, müssen wir uns nicht so gebrüsselt fühlen. Schliesslich tönt Kamor für Ohren ausserhalb der Ostschweiz schon exotisch genug.

Die Riklin-Zwillinge haben übrigens alle sechs beteiligten Gemeinden filmisch dokumentiert und wollen diese Videofilme in der Kunstszene zeigen. Wenn schon die Politik die Kulturförderung zurückfahren will, dann tut die Kunst wenigstens etwas für die Politik. Die St. Galler Politik allerdings machte mit: 40000 Franken für die Unkosten der Aktion kamen passenderweise aus dem kantonalen Lotteriefonds. Schliesslich wird Kulturförderung hierzulande immer mehr zur Lotterie.

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