Wo Berge sich erheben, da ist das Urnerland. Dort gingen die Urnerinnen und Urner an die Urnen, und die Stimmenzähler bahnten sich einen Weg durch den Wahlzettelberg wie die Neat-Bohrer durch den Gotthard. Gewählt wurde, nach diesem Bild zu schliessen, auch in einer Turnhalle. Ein idealer Ort, denn da konnten die Unterlegenen gleich lernen, Niederlagen sportlich zu nehmen.

Zur 200-Jahr-Feier der Entstehung ihres kantonalen Nationalepos «Wilhelm Tell» besannen sich die Urnerinnen und Urner nämlich auf das Vorbild ihrer aufmüpfigen Vorfahren und gaben wichtigen Vertretern der Obrigkeit eins aufs Dach. Gleich zwei Regierende wurden gnadenlos abgewählt. Und ein dritter, CVP-Vertreter Isidor Baumann, verfehlte das absolute Mehr ebenfalls – allerdings nur um drei Stimmen. Drei Stimmen – genau wie damals auf dem Rütli, wo allerdings noch zwei Ausserkantonale dabei waren. Das war der Wahlbehörde denn doch etwas zu knapp. Sie ordnete eine Nachzählung an, und laut den neuen Zahlen fehlten Baumann schliesslich acht Stimmen.

Wer die Wahl hat, hat die Qual und verursacht auch solche. Zum Beispiel all den Abgewählten, die sprachlos, aber wortreich nach Erklärungen suchen müssen.

Urnen brauchts bekanntlich vor allem bei Wahlen und Beisetzungen. Für die FDP und die CVP war das in letzter Zeit oft fast gleichbedeutend. Der Freisinn bekam den Eigensinn des Urner Stimmvolks ganz besonders heftig zu spüren. Er verlor im Parlament deutlich und hielt in der Regierung seinen zweiten Sitz nicht mit seinem offiziellen Kandidaten, dem bisherigen Regierungsrat Peter Mattli, sondern mit dem wild kandidierenden, von der Jungen FDP unterstützten Stefan Fryberg. Nach 17 Jahren Mattli hatte die Wählerschaft offenbar genug und sagte sich ebenso frei wie sinnig: lieber fry als matt.

Den Exekutivmitgliedern draussen im Land muss besonders die Abwahl von Baudirektor Oskar Epp von der CVP zu denken geben. Der wurde auf die Strasse gestellt, weil er beim Strassenbau nach Bristen die Kosten nicht im Griff hatte. Wenn man bedenkt, wie oft die Urner in der Schweiz Trends setzten – der erste verklärte Tyrannenmord, die erste sagenmässig festgehaltene Teufelsaustreibung, der erste Gotthardtunnel –, dann müssten die Regierenden anderswo zügig über die Zahlenbücher.

Apropos Zahlen: Die sind im Herzen der Schweiz auch nicht viel besser als in anderen Kantonen. Aber der Kanton Uri steht mit seinem berühmten Wappentier zumindest in aller Offenheit dazu, stier zu sein. Und trotzdem wollen alle in die Regierung.

Nur eine Frau wurde jetzt dorthin gewählt, aber immerhin mit der zweitbesten Stimmenzahl. Die Politologin Heidi Z’graggen sorgt mit ihrem Vornamen dafür, dass auch das andere Schweizer Nationalepos in der Urschweizer Politik vertreten ist. Eine echte Stauffacherin, auch wenn diese ennet dem Urnersee in Schwyz zu Hause war. Die Axenstrasse als Achse des Feminismus.

Quelle: Angel Sanchez