Und wieder ist eine schöne alte Schweizer Firma verschwunden. Die Rentenanstalt ist in Rente gegangen und hat Swiss Life endgültig Platz gemacht. Zuerst der Rentenklau – und jetzt ist die ganze Anstalt weg. «Swiss Life» hiess bisher «Schweizerische Lebensversicherungs- und Rentenanstalt». Jetzt ist nur noch «schweizerisches Leben» übrig geblieben. Von Versicherung und Renten keine Spur mehr. Und prompt verwandelt sich der Verlust von 1,7 Milliarden Franken aus dem Vorjahr in einen Gewinn von 233 Millionen. What a difference a name makes.

Bei solchen Zahlen und bei Tafelwechseln wie auf unserem Bild muss man schwindelfrei sein. Abgründe tun sich auf. Das dürfte wohl das Wohlstandsgefälle sein, und da besteht akute Absturzgefahr. Aber das Bild täuscht. Es wurde mit einem extremen Weitwinkelobjektiv fotografiert, mit einem Fischauge. Objektiv gesehen gehts in der Wirtschaft in jüngster Zeit ja recht oft ins Auge. Und wir haben dazu so viel zu sagen wie die Fische.

Dabei schrieb die Berner Zeitung «Der Bund» über die Swiss Life: «Der Abgrund ist in die Ferne gerückt.» Berückend, diese in die Ferne rückenden Abgründe. Allerdings ist ein Zehntel der Angestellten trotzdem in den Abgrund gestürzt, das heisst entlassen worden, und auf der anderen Seite stiegen die Prämien. Aktionäre zur Sonne, zur Freiheit.

Das Problem ist wohl, dass die Volkswirtschaft durch die Marktwirtschaft abgelöst, das Volk durch den Markt ersetzt wurde. Der Markt richtets, und das Volk hat sich danach zu richten. Die Chefs lassen ausrichten, wir müssten uns auf neue Verhältnisse einrichten, und dagegen ausrichten können wir gar nichts.

Die Schwester der Rentenanstalt, die Kreditanstalt, hat ja ihren Anstaltsnamen schon vor längerer Zeit verloren. Anstaltsgründer Alfred Escher, der beide vor 150 Jahren auf die Welt gestellt hat, wird wohl im Grab rotieren. Seine Statue auf dem Zürcher Bahnhofplatz ist jedenfalls schon ganz grün vor Ärger. Und wenn das so weitergeht, wird wohl auch Eschers drittes grosses Werk, der Gotthard-Eisenbahntunnel, umbenannt. In «Swiss Hole» zum Beispiel.

Ganz ist die alte Rentenanstalt allerdings noch nicht verschwunden. Ganz unten am Gebäude, auf Augenhöhe der kleinen Leute – oder zumindest der kleinen Leute, die rund drei Meter gross sind – stehts noch in Stein gemeisselt: Schweizerische Lebensversicherungs- und Rentenanstalt. Eine Reminiszenz an die Zeiten, als die «Renten» noch eine Lebensversicherung waren.

Die Tram- und Bushaltestellen nebenan sind antiquierterweise ebenfalls noch mit «Rentenanstalt» beschriftet. Die Zürcher Verkehrsbetriebe können offenbar mit dem Umbautempo der Schweizer Wirtschaft nicht Schritt beziehungsweise Fahrplan halten. Vielleicht sollten sie sich gelegentlich in «Downtown Switzerland Tramways» oder in «Unique Zurich Traffic» umtaufen.

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