Jetzt ist der Klotz wieder weg. Der berühmte Unspunnenstein ist schon zum zweiten Mal unprogrammgemäss aus Interlaken verschwunden. Diebe haben ihn von der Kette gelassen und stattdessen einen Pflasterstein mit Jurawappen auf dem abgeräumten Sockel deponiert.

Sie haben eine reiche Tradition und sind sehr beliebt, die steinernen Souvenirs aus dem Berner Oberland. Prominente, die den früheren Bundesrat Dölf Ogi in Kandersteg besuchten, kriegten jeweils Bergkristalle geschenkt. Da wurden weniger Prominente wohl neidisch und holten sich in Interlaken dafür den berühmten Granitblock.

Waren es wieder die Béliers, die den Stein schon 1984 geklaut, ihm zwölf Europasterne eingemeisselt und ihn 2001 zurückgegeben haben? Jedenfalls waren die unbekannten Steinfreunde ziemlich fit. Den einst 167-pfündigen und heute durch die Bélier-Steinmetzarbeiten um vier Pfund abgemagerten Klotz fast unbemerkt mitlaufen zu lassen ist nichts für Schwächlinge.

Das lässt eine andere Vermutung aufkommen. Die Gegend um Interlaken ist ein Mekka der Extremsportler. Die stürzen sich durch wilde Canyons und über wasserfallgeschmückte Felsvorsprünge, springen mit Gummiseilen an den Füssen aus Bergbahnkabinen und hangeln sich als menschliche Fliegen an den senkrechten Kletterwänden hoch. Einer dieser Extremisten hat wohl das ehrwürdige Steinstossen als Extremsportart aus alten Zeiten entdeckt, und jetzt stemmen und stossen die Freaks aus aller Welt auf einer geheimen Oberländer Waldlichtung den besternten Felsklotz umher. Viel Platz braucht das nicht, denn der Schweizer und damit Weltrekord liegt bei vier Meter elf – aufgestellt mit dem Ersatzstein, der seit dem ersten Klau vor 21 Jahren verwendet wird.

Die offiziellen Steinstösser dürfen dieses Jahr nicht zur Rekordverbesserung antreten. Neben den Dieben hat sich auch die Natur gegen Unspunnen verschworen. Viele potenzielle Helferinnen, Helfer und Teilnehmende des geplanten Fests waren von Überschwemmungen betroffen. Deshalb wird es um ein Jahr verschoben. So bleibt auch mehr Zeit, um den Stein wieder auftauchen zu lassen.

Das Victoria-Jungfrau Grand Hotel & Spa, aus dem der Unspunnenstein entführt wurde, erhielt vom Wirtschaftsmagazin «Bilanz» soeben wieder den Titel als bestes Stadt- und Businesshotel der Schweiz zugesprochen. Das gastfreundlichste ist es ganz bestimmt – dies werden die unbekannten Kettenschneider bestätigen. Das Grand Hotel bietet in seinem Spa auch «Therapie mit heissen Steinen». Wer weiss, vielleicht liegt der prominente Verschollene nach dem Ausflug ja unerkannt unter den heissen Felsblöcken und steigt irgendwann, nochmals leicht ab-gemagert und fit, wie Phönix aus den Steinen.

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