Das Bündner Oberland hat Oberwasser. Der Ständerat hat Vorinvestitionen von 7,5 Millionen Franken für die ersten Arbeiten an einem Bahnhof unter dem Gotthardmassiv bewilligt. Mit einem 800 Meter langen Lift soll das Oberland für die Schweiz und die Welt zugänglich werden. Das Randgebiet in der Mitte der Schweiz will ins Zentrum.

Die Lobbyisten aus der Surselva mussten früh aufstehen, um im Ständerat zu Bern für ihre Sache zu werben. Und sie taten es gutschweizerisch: diskret, aber emsig und vor allem hinter den Kulissen. Draussen auf dem Bundesplatz stiessen sie zwar mächtig ins Alphorn, doch das Werbebanner auf unserem Bild ist doch etwas mickrig ausgefallen und schaut eher verschämt über die Brüstung in den Ständeratssaal.

Dabei geben sich die «Porta Alpina»-Initianten sonst durchaus selbstbewusst. Auf ihrer Website jedenfalls sehen sie sich im Herzen von Westeuropa und als Knotenpunkt der Eisenbahnverbindungen Zürich–Mailand und Zermatt–St. Moritz. Deswegen hätten sie jetzt gerne den Neat-Bahnhof mit dem längsten Lift der Welt.

Aber dieses Projekt wäre doch höchstens ein Tropfen auf den heissen Stein der sich entvölkernden Randregionen. Da müsste die Alpenlobby andere Projekte durchboxen. Warum denn nicht gleich eine neue schweizerische Hauptstadt im Gotthardmassiv errichten? Da wären unsere chronisch überforderten Bevölkerungszentren ein wenig entlastet, und man bräuchte sich nicht dauernd zu fragen, ob die Hauptstadt der Schweiz eigentlich Zürich oder Bern heisse. Für eine Metropole im Gotthardmassiv wären nicht nur die jungen, zukunftsfrohen, sondern auch die älteren, Réduit-nostalgischen Jahrgänge zu begeistern. Die Tourismuswerbung im Ausland würde einfacher: eine Stadt inmitten schneebedeckter Gipfel – so stellt man sich dort die Schweizer Kapitale doch heute schon vor. Die Energie- und Wasserversorgung wäre gewährleistet: Diese Ressourcen fielen gleich vor der Haustür aus allen Wolken. Und die daraus entspringenden Flüsse fliessen in alle vier Himmelsrichtungen und Sprachregionen.

Es gibt viele berühmte Vorbilder für Hauptstadtgründungen fernab der Zentren: von Washington über Canberra und Brasilia bis zu Islamabad in Pakistan. Die baute man, weil sich die bestehenden Zentren gegenseitig die Hauptstadtwürde missgönnten oder weil man Randregionen einen Entwicklungsschub verschaffen wollte. Einen Nachteil haben die Regierungssitze auf der grünen Wiese oder im grünen Urwald allerdings schon: An den Wochenenden leeren sie sich, weil das Beamtenheer die freien Tage lieber in den lebendigeren Zentren verbringt. In der Schweizer Alpenhauptstadt stünde die Neat-U-Bahn 800 Meter tiefer für den Transport bereits bereit.

Quelle: Béatrice Devènes