Der SC Bern, amtierender Schweizer Meister im Eishockey, brauchte viel Zeit, um sich in dieser Saison als Letzter für die entscheidenden Spiele der Meisterschaft zu qualifizieren. Und dann warf er in der ersten Runde dieser Playoffs mit Lugano ausgerechnet den Ersten der Qualifikation raus.

Das erinnert an die Fabel von der fleissigen Ameise und der faulen Grille: Da trödeln die Berner als Titelverteidiger eine Saison lang vor sich hin, spielen Intrigentheater, singen und feiern – so wie die Grille einen Sommer – einen Winter lang. Dann zwingen sie im letzten Spiel der Qualifikation die Flieger aus Kloten zur Bruchlandung. (Was will man auch von einer Mannschaft erwarten, die sich früher von der Swissair sponsern liess?) Und schliesslich stehen sie auch den fleissigen Ameisen aus Lugano, die den Winter lang brav Punkte gesammelt haben, vor der Sonne.

So wird die Ameisen-Grillen-Fabel von Herrn De La Fontaine ausgerechnet im Musterland der arbeitsamen Ameisen widerlegt. Die Grille wird nicht Hungerleider, sondern Titelaspirant. Möglich gemacht hats ein Regisseur aus Finnland. Der neue SC-Bern-Trainer Alpo Suhonen, nach dem katastrophalen Saisonstart als Nothelfer geholt, war auch schon Theaterdirektor und Organisator des Jazzfestivals von Pori. Das Berner Theater brachte ihn deshalb nicht aus der Fassung, im Gegenteil: Er zeigte den SCB-Profis, wie man jazzmässig improvisieren, harmonieren und swingen kann.

Den Zuschauerstatistiken tut es gut, dass die Berner weiter um den Meistertitel spielen dürfen. Ihr Allmendstadion ist mit über 16000 Plätzen viel grösser als die Hallen der anderen Teams – und vor allem ist sie bei wichtigen Spielen auch voll. Die alte Kunsteisbahn Ka-We-De, das frühere Heim des SCB, böte da mehr Zuschauerprobleme. Sie liegt nämlich gleich neben der US-Botschaft. Da könnten die Fans wohl nur noch mit einem US-Visum zu den Spielen reisen. Und der SC Bern müsste wegen der neuen Einreisevorschriften der US-Botschaft genau melden, welche Fans während der Spielpausen lieber Bratwurst und welche eher Döner Kebab essen.

Die Fabel endet bei La Fontaine damit, dass die Ameise die faule Grille fragt, was sie denn den ganzen Sommer über getan habe. Sie habe gesungen, antwortet die Grille. «Dann tanz jetzt!», befiehlt die Ameise. Also versuchen die Berner jetzt gegen Davos in den Final und dann vielleicht sogar bis zum Titel zu tanzen. Und selbst wenn sie vorher rausfliegen sollten: Das kann, wie das Beispiel Lugano zeigt, jedem passieren. Sportjournalisten schreiben in solchen Momenten von der «glorreichen Ungewissheit des Sports». Dabei ist das Leben mindestens so ungewiss. Nur meistens ein wenig weniger glorreich.

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