Ein Schweizer am Boden, ein Spanier in der Luft. Der Emmentaler Töffrennfahrer Tom Lüthi, der bei den Motorradfans die Hoffnung auf einen Schweizer Weltmeistertitel geweckt hat, jagte seinen Anhängern beim Rennen in Japan mit einem Sturz einen gfürchigen Schrecken ein. Und weil der Spanier Sergio Gadea nicht mehr ausweichen konnte und über Lüthis Füsse und Rennmaschine fuhr, wurde die Geschichte noch dramatischer und heroischer.

Gefallene Helden, die trotz ihrem Sturz zu Siegern wurden, haben in der Schweizer Geschichte seit Arnold Winkelried und Ueli Rotach eine grosse Tradition. Später wurden Jo Siffert, Clay Regazzoni und Marc Surer durch ihre Unfälle zu tragischen Helden. Nach den Todesfällen und den ernsthaften Verletzungen von der grauen Vorzeit bis in die jüngere Geschichte ist der Fall von Tom Lüthi, der sich «nur» die Schulter ausgekugelt und die Füsse geprellt hat, noch glimpflich ausgegangen.

Die schöne Geschichte vom Emmentaler Buben, der ohne Töff-Fahrausweis zum Weltmeistertitel unterwegs ist, erhielt damit einen weiteren dramatischen Kickstart. Die PS-Ritter auf ihren Feuerstühlen sind doch so populär, weil sie uns eine Art Ersatzzirkus bieten. Wie in der Manege gehts dauernd im Kreis herum. Zugegeben: nicht ganz so kreisrund wie in der richtigen Arena, sondern ständig um ein paar hals- oder knochenbrecherische Kurven.

Sergio Gadea, der auf unserem Bild kopfüber in der Luft hängt, bestätigt die These: Überschläge ohne Netz und doppelten Boden gehören in der Zirkusarena einfach dazu. Auch Gadea wurde bei seinem Tiefflug nicht ernsthaft verletzt. Andere Arbeitnehmer würden mit solchen Blessuren wochenlang arbeitsunfähig geschrieben.

Das ist eben der Fortschritt in der Geschichte: Heutzutage können die Helden spektakulär aus der Bahn fliegen und das Rennen trotzdem – wie in diesem Fall Tom Lüthi – noch als Zweite beenden. Der Technikschrott, den Lüthi und Gadea über die Piste verstreut hatten, provozierte nämlich den Abbruch des Rennens. Und weil schon genügend Runden gefahren worden waren, wurde der Zwischenstand zur definitiven Rangliste. Der Held hat überlebt und wird vielleicht sogar Weltmeister.

Für weitere grosse Taten bleibt dem 19-jährigen Lüthi noch reichlich Zeit. Arnold Winkelried soll ja bereits ein bestandener Familienvater gewesen sein, als er in die Geschichte eingriff. Tom Lüthi dagegen ist vor Fernsehkameras und in Zeitungsartikeln vor allem Sohn.

Man stelle sich vor, die Schlacht bei Sempach wäre wegen Funktionsuntüchtigkeit der habsburgischen Speere nach dem winkelriedschen Zugriff einfach abgebrochen worden. Die Schweizer Geschichte hätte glatt einen anderen Helden erfinden müssen.

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