In den letzten Wochen errötete die Schweiz im Kollektiv wegen der Leistungen ihrer Nati an der Fussball-WM. Der «Blick» reihte mehrere Tage lang ein knallrotes Titelbild mit Fans und Flaggen ans andere, als sei er zum kommunistischen Parteiblatt «Rote Fahne» mutiert.

Und das Fussballpublikum rottete sich in der Öffentlichkeit zusammen. Der Service public unserer SRG wurde zum Service «Public viewing». Man servierte dem Public auf öffentlichen Riesenbildschirmen und in WM-Party-Lokalen bunte Bilder, und dazu floss reichlich Bier, damit auch andere Wirtschaftszweige ihre Gerstensüppchen brauen konnten. Wer die Masse nicht so mag, ging zumindest zu Freunden, um im Siegestaumel oder bei der Frustverarbeitung nicht ganz allein zu sein. Wie unsere Vorfahren ums Höhlenfeuer, sassen wir gemeinsam um den Hochaltar der laufenden Bilder. «Die Welt zu Gast bei Freunden», haben die Deutschen ihre WM angepriesen. Und die ganze Fernsehwelt hat den Satz befolgt.

Der Kreis hat sich geschlossen. Der Fernsehkonsum ist wieder am Anfang angekommen. Vor 50 Jahren versammelte sich die Fussballgemeinde nämlich ebenfalls in Restaurants und in den wenigen Privatwohnungen, wo man sich den neusten technischen Schrei leisten konnte und wollte: topmoderne, schwarzweiss schneiende Fernsehgeräte, auf denen man Fussballspiele verfolgen konnte, die im selben Moment in weit entfernten Stadien stattfanden. Die Begeisterung galt mindestens ebenso sehr dieser technischen Revolution wie dem Geschehen auf dem grau flimmernden Rasen.

Für mich als Teenager fand der Spitzenfussball jahrelang exklusiv im Restaurant statt und war untrennbar mit dem Geschmack einer kalten Ovomaltine verbunden. Der üppige Kredit von einem Franken, den der Vater für den Gang ins Café gewährte, reichte genau für eine einzige Ovi. So lernte ich, meinen Getränkekonsum in Anlehnung an Sepp Herbergers berühmten Satz «Ein Spiel dauert 90 Minuten» sorgfältig zu dosieren.

Dann kam der Aufschwung, und die Leute leisteten sich ihren eigenen Apparat. Auf den Dächern der Städte zeigten Antennenwälder, die an komplizierte, eckige Geweihe erinnerten, wo die Hirsche der Informationsvermittlung zu Hause waren. Irgendwann verschwanden die Antennen als Kabel in den Untergrund und heute sind sie als Schüsseln an Fassaden und auf Balkonen ans Tageslicht zurückgekehrt. Nach dem grossen gemeinsamen Fussball-Festmahl werden sich darin dann alle wieder ihr individuelles Fernsehmenü kochen.

Quelle: Archiv