Es war etwa so überraschend, als hätte Brasilien im Fussball gegen den FC Merenschwand gewonnen. Die Favoritin für den Bundesratssitz fuhr ihren Pflichtsieg nach Hause. Die Fans hatten es längst gewusst. Und feierten trotzdem - oder erst recht. Unter anderem mit der geheimen Aargauer Kantonalhymne «Im Aargau si zwoi Liebi», der traurig endenden Liebesgeschichte aus den Zeiten, als die Schweizer Söldner noch mit Waffen und nicht mit Fussballschuhen in die nahe Fremde zogen.

Die Wahl von Doris Leuthard lief also wie erwartet. Vielleicht lag das auch daran, dass niemand Zeit für wirksame Störmanöver hatte. Bei früheren Bundesratswahlen berichtete man uns immer in blumigen Worten von all den Intrigen, die am Abend vor der Wahl in den Berner Beizen und Bars gesponnen wurden. Diesmal war keine Zeit für schummrige Schiebereien, diesmal stand am Vorabend die Ehre der Nation auf dem Fussballspiel. Wie einst bei Morgarten sollte an der Fussball-WM das übermächtige Nachbarreich bezwungen werden. Das Land schaute nach Deutschland, wo es gegen die Franzosen ging, nicht nach Bern.

Und die neue Landesmutter war bereits bei ihrem Volk. In der schweren Stunde stund sie zu Stuttgart im Stadion und fieberte mit. Sie war am Ball, oder genauer: Der Ball war an ihr. Als wollte sie die neue Sportministerin werden, studierte Leuthard in der korrekten Uniform den potenziellen Wirkungsbereich. Und liess sich demonstrieren, was man im Fussball für die Politik lernen kann: In beiden Branchen warten alle auf den grossen Wurf, hoffen auf das tolle Tor, das geniale Gesetz - und einigen sich dann wieder auf einen 0:0-Kompromiss. Zwischendurch versucht man mit mehr oder weniger raffinierten Tricks, das Glück auf seine Seite zu zwingen, wird mal gefoult und lässt sich mal theatralisch fallen - und fühlt sich in jedem Fall von den Medien schlecht behandelt. Bester Anschauungsunterricht für eine zukünftige Sportministerin also.

Und jetzt wird sie trotzdem Wirtschaftsministerin. Was will man uns damit sagen? Fussball ist auf dieser Stufe ein Wirtschaftsfaktor und kein Sport. Und die Nationalmannschaft betreibt gegenwärtig ganz besonders effiziente Wirtschaftsförderung.

Samuel Schmid bleibt dafür im Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport. Das braucht die Schweiz: einen Verteidigungsminister, der selber aktiver Schütze ist - einen also, den Köbi Kuhn in der Offensive wie in der Defensive einsetzen kann. Der könnte doch im allseits herbeigeredeten WM-Final gegen Brasilien mit scharfem Blick über Kimme und Korn das entscheidende 4:3-Siegestor schiessen. Dann wird der Bundesrat in corpore in roten T-Shirts antreten.

Quelle: Dominik Baumann