Falls es eine Leserin oder zwei Leser geben sollte, die nichts vom Sahlenweidli gehört haben, hier kurz die lebensnotwendigen Fakten. Im Emmental ist soeben ein weiteres der nicht eben seltenen Gotthelf-Jahre zu Ende gegangen. Aus diesem Anlass versenkte sich Schweizer Fernsehen DRS ins 19. Jahrhundert und liess im vergangenen Sommer die Familie Zuppiger für einige Wochen im Heimet Sahlenweidli im oberen Emmental eine Bauernfamilie aus Gotthelfs Zeiten mimen.

Und weil die das mit einschaltquotentreibendem Erfolg taten, wurde der Spass im Winter wiederholt. Da zog die Familie Koller aus dem sanktgallischen Berneck ins Bernbiet und spielte drei Wochen lang kalten Ballenberg mit menschlicher Dekoration – wie schon die Zuppigers unter Beobachtung von Fernseh- und Pressekameras.

Aber der «Blick» hat nachgefragt und aufgedeckt. Schweizer Fernsehen DRS gaukle in seinen Sendungen aus dem Emmental eine heile Welt vor, dabei gebe es hinter den Kulissen Unzufriedenheit, Frust-Rationen und Streit. Genau, lieber «Blick». Es war auch höchste Zeit, etwas Gotthelf-Stimmung ins allzu idyllische Fernseh-Emmental zu bringen. In den Büchern des Pfarrer-Schriftstellers zu Lützelflüh finden wir schliesslich eine alles andere als heile Welt. Da wurde intrigiert und geprügelt und gegiftelt, dass es dem Tüüfel hätte drab gruusen können. Boulevard-Storys des 19. Jahrhunderts.

Doch das Schweizer Fernsehen blieb beim friedvollen Bild. Schliesslich war Weihnachten, und da organisierte der Sender selbstloserweise nicht nur hohe Einschaltquoten für sich selbst, sondern auch eine volle Kirche in Röthenbach. Dort schritten die Sahlenweidli-Temporärbewohner unter Kameraaufsicht zum Gottesdienst. So gut besetzte Kirchenbänke sah man da wohl letztmals im pittoresken Würzbrunnen-Kirchlein in derselben Gemeinde, das der legendäre Regisseur Franz Schnyder für seine Gotthelf-Filme jeweils mit Statisten zu füllen pflegte.

Eine nette Pointe zu diesem Gottesdienst lieferte das «St. Galler Tagblatt», das berichtete, die Gotthelf-Familie habe in Röthenbach die «Weihnachtsmesse» besucht. Weihnachtsmesse in Pfarrer Bitzius’ stockprotestantischem Emmental, liebes «St. Galler Tagblatt»? Da sei Gotthelf vor. Habt ihr denn in eurer schönen Klosterstadt all die Kappeler-, Villmerger- und Sonderbundskriege vergessen, diese hehren vaterländischen Konflikte, in denen die katholischen und die protestantischen Schweizer aufeinander losdroschen? In den Ämmitaler Högern galt schliesslich noch vor nicht allzu langer Zeit der Papst als der leibhaftige Antichrist. Eher feiert George W. Bush Weihnachten in einer Moschee, als dass in Gotthelfs Emmental Messen gelesen würden.