Sie ist wieder da. Die Tessinerin Carla Del Ponte, Chefanklägerin beim Internationalen Kriegsverbrechertribunal in Den Haag, ist in ihre Heimat zurückgekehrt. Sie kam ans Filmfestival von Locarno zur Premiere des Dokumentarfilms «La liste de Carla», der ihren Arbeitsalltag zeigt.

Der geneigte Beobachter ist erstaunt, wie sichtbar die streitbare Juristin dort war. Auf unserem Bild versteckt sie sich weder hinter Panzerglas noch hinter hünenhaften Bodyguards. Der Herr, der ihr auf dem Fusse folgt und für einen strengen Bewacher viel zu locker aussieht, ist Locarnos neuer Festivaldirektor Frédéric Maire - auf allen Festivalbildern in weissem Hemd und schwarzer Jacke zu sehen, als sei der Farbfilm noch nicht erfunden worden.

Offenbar sind die kritischen Film- und sonstigen Kulturschaffenden und ihr Publikum doch nicht so gefährlich, wie sie von vielen Repräsentanten in Staat und Wirtschaft wahrgenommen werden. Und vielleicht hat sich Del Ponte in diesen Kreisen schon mal nach einem neuen Job umgesehen. Ihr internationales Mandat läuft nämlich in einem Jahr aus. Sie soll an der Premiere «ihres» Films gewitzelt haben, eine Karriere als Schauspielerin schwebe ihr nicht vor. Aber eine als Drehbuchautorin? Schliesslich hat sie in ihrer Laufbahn reichlich Material für hochdramatische Thriller mit Kriegsverbrechern und Mafiosi gesammelt. Im adretten weissen Täschchen mit den bunten Verzierungen transportiert sie wohl ihre Ideen für farbige Drehbücher.

Die edle Tasche aus dem Hause Louis Vuitton trägt übrigens den Namen Speedy - Del Pontes hektischem Leben angemessen. Und bei einer so hoch gestellten Justizbeamtin wollen wir zuversichtlich annehmen, es handle sich hier nicht um eine Fälschung, sondern sie habe dafür den vollen Katalogpreis von 1’210 Euro hingeblättert.

Das dürfte Justizminister Christoph Blocher ärgern, dem Carla Del Ponte als frühere Bundesanwältin immer noch untersteht. Er wollte ihr nämlich bereits die finanzielle Unterstützung streichen. Die soll rund 800’000 Franken jährlich betragen - für Reisespesen, Bodyguards, Wohnung in Den Haag sowie die Anpassung ihres Uno-Lohns ans Schweizer Niveau. Wenn die Signora ins Filmbusiness einsteigt, kann Blocher sie locker ins Innen- und Kulturministerium an den Kollegen Couchepin abschieben, der grosse Auftritte liebt.

Ein Problem allerdings gibt es für eine solche Karriere. Nicolas Bideau, der neue Chef Film im Bundesamt für Kultur, will in Zukunft bei der Filmförderung als Saint Nicolas seinen grossen Sack vor allem über Filme ausschütten, die grosse Erfolge versprechen. Und davon hat Carla Del Ponte in ihrer bisherigen Tätigkeit nicht eben viele produziert.

Quelle: MARTIAL TREZZINI