Die Nordwestschweiz war erschüttert. Die Erde bebte, ausgelöst durch Probebohrungen eines Projekts zur Gewinnung von Erdwärme. Die verantwortlichen Ingenieure wollten wohl auf besonders tiefschürfende Art den 650. Jahrestag des grossen Basler Erdbebens feiern. Ein Glück, dass die im Sommer nicht mit Probebohrungen am Rossberg einen kleinen Gedenkrutsch zum 200. Jahrestag des grossen Goldauer Bergsturzes in Fahrt gebracht haben. Aber vielleicht wollten die Experten der Betreiberfirma Geopower AG ganz einfach den Ankündigungen der Versicherungen, sie würden in Zukunft auch Erdbebenrisiken versichern, etwas mehr Power verleihen.

Geopower habe das Projekt «sofort auf Eis gelegt», schrieb die «Basellandschaftliche Zeitung». Beim hitzigen Projektnamen «Deep Heat Mining» wohl kein leichtes Unterfangen. Immerhin haben wir Schweizer mal wieder international Aufsehen erregt. Es gibt bereits diverse Klagen aus dem Ausland. Schliesslich wurde die Sache am äussersten Rand des Landes in den Sand gesetzt. Der Geopower-Bohrturm steht näher am deutschen Weil am Rhein und am elsässischen Huningue als an der Basler Innenstadt. Die Firma erbohrte sich das Erdbeben haarscharf neben EU-Grund und -Boden. Wo die Süddeutschen doch schon wegen des Fluglärms weiter östlich so sauer sind. Da brauchte es nicht noch einen gekröpften Bohrköpfe-Tiefanflug in Kleinhüningens Untergrund.

Wir freien, unabhängigen Schweizer lassen uns nichts von der Natur diktieren und machen uns unsere Erdbeben selbst. Das in Basel ist ja nur eines von vielen. Roger Schawinski ist im Nordanflug auf die Schweiz und wird laut einigen aufgeregten Kollegen die hiesige Medienszene mit seinem bekannten «High Heat Mining» nachhaltig erbeben lassen. Die SVP prophezeit sich selbst im Wahljahr 2007 einen Erdrutschsieg mit anschliessendem politischem Erdbeben. Und schliesslich erschütterte ein Satz des obersten Schweizer Lehrers Beat W. Zemp einen Teil der Nation nachhaltig. Auch an Weihnachten herrsche in der Schweiz Religionsfreiheit, meinte Zemp, und niemand könne zum Feiern gezwungen werden. Das liess Werner De Schepper, Theologe und «Blick»-Chefredaktor, kurz den Durchblick verlieren und vor Aufregung wie eine Seismografennadel zittern.

Die Zauberlehrlinge sind los. Wir hoffen auf Goethes Zaubermeisterspruch: In die Ecke, Beben!

Quelle: Christian Flierl

Fast hundertmal hat Martin Hauzenberger mit feiner Ironie und überraschenden Gedankengängen unsere Leserinnen und Leser erfreut - oft auch etwas geärgert. Dies ist die letzte «Ansichtssache»; im neuen Jahr wird das Redaktionsteam einen neuen «Schlusspunkt» setzen. Es tut dies mit grossem Respekt, denn nach dreieinhalb Jahren Martin Hauzenberger liegt die Latte hoch. Wir danken Hauzi herzlich für so manches Schmunzeln, das er bei uns und in der Leserschaft bewirkt hat.

Balz Hosang

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