Die Zürcher mussten wieder mal die Ersten sein – der erste Kanton mit zwei Bundesräten. Und mit Moritz Leuenberger und Christoph Blocher hat Zürich jetzt zwei Pfarrerssöhne in der Regierung. Die ungeteilte pfarrherrliche Standesstimme gewissermassen.

Als Pfarrerssohn, der im Kanton Zürich wohnt, müsste ich mich da über die Massen gut vertreten fühlen. Aber nach diesen Wahlen fühle ich mich oft an den Witz erinnert, der nach dem Unterschied zwischen Volksvertretern und Zitronenfaltern fragt. Es gibt keinen. Oder haben Sie jemals einen Zitronenfalter eine Zitrone falten sehen?

Wir hattens als Pfarrerskinder nicht einfach mit unseren Vätern: Die schickten uns auch am Sonntag in die Schule, wo «das Negerli», eine kleine Figur auf der Geldsammelbüchse, artig nickte, wenn wir unsere Münzen einwarfen. Der dumme Kerl bedankte sich allerdings auch, wenn wir ihn mit Hosenknöpfen fütterten. Blochers Christoph hat diese Sonntagsschulerkenntnis, dass die Schwarzen nicht mehr reklamieren, wenns ihnen nur ein klein wenig besser geht, später in seinem Südafrikaengagement gradlinig umgesetzt.

Schwierig war auch, dass der liebe Gott nicht nur am Sonntag in der Kirche aufpasste, sondern die ganze Woche über in unserer Stube. Das Wort war bei Gott – aber vor allem beim Vater und Pfarrer. Der war und hatte das Wort.

Wohl darum wandten sich der Moritz und der Christoph dem weltlichen Recht zu. Als Jurist kommt man oft und ausführlich zu Wort. Und Reden halten sie beide so leidenschaftlich gern wie ihre Väter. Der eine prägt eher ironisch-literarische Sätze, der andere mags deftiger und bevorzugt die Kanzel im Zürcher Albisgütli. Schliesslich hatte sein älterer Bruder bereits den Pfarrerberuf vom Vater übernommen, da musste der jüngere schauen, wo er mit seinen Sermonen blieb.

Der Christoph habe eine Mission, sagt der grosse Bruder Gerhard. Aus der Geschichte der Mission wissen wir, dass die Missionierten selten gefragt wurden, bevor man ihnen die frohe Botschaft in die Köpfe und Herzen drückte. Missionar Blocher verteilt in der Politik ja auch lieber Nächstenhiebe als Nächstenliebe.

Der neue Nationalratspräsident macht munter mit im frommen Spiel. Zum Auftakt seiner Präsidentschaft liess Hilfspfarrer Max Binder Psalmen singen. Nicht die Psalmen Davids, weil sich Binders Partei seit ihrem Prozentzuwachs ja eher als Goliath fühlt. Aber immerhin den Schweizerpsalm, obwohl dessen erste Zeile mit dem Morgenrot schon fast ein wenig sozialistisch klingt.

Eigentlich überrascht da der Niedergang der CVP nicht mehr so sehr. Schliesslich steht diese Partei einer Kirche nahe, die sich beharrlich weigert, Pfarrerssöhne zu produzieren – zumindest offizielle. Jetzt hat sie nur noch halb so viele Bundesratssitze wie die SPSP, die Schweizerische Pfarrerssöhne-Partei. Für die regierenden Söhne gilt als Politiker wohl das, was böse Zungen über die Pfarrer sagen: Die sind wie Wegweiser – sie zeigen den richtigen Weg, aber sie gehen ihn nicht.

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