In der Galleria dell’Accademia zu Florenz befreit Restauratorin Cinzia Parnigoni Michelangelos David mit destilliertem Wasser vom Schmutz der Jahrhunderte. Ungezählte Touristenkehlen haben dem biblischen Helden den Atem der Geschichte an die Marmorhaut gehaucht. Und nächstes Jahr erreicht der steinerne Steineschleuderer das zarte Alter von 500 Jahren – der reife Herr braucht ein Facelifting.

Zumindest den Schein können die Männer wahren: Neben der zierlichen wissenschaftlichen Putzfrau wird selbst David zum mächtigen Goliath. Michelangelo hatte eben einen Sinn für die Grösse der Männer. Er schaffte es sogar, dem Papst nackte Tatsachen an die sixtinische Kapellendecke zu pinseln.

Helvetia hebt ob der Putzaktion in Florenz leicht indigniert die Augenbraue. Für Sauberkeit sind schliesslich die Schweizer zuständig und nicht die Italiener. Die Nation, die selbst ihren Formel-1-Stall so rein hält, dass dieser ganz offiziell den Namen Sauber tragen darf, wird wohl auch ihre anderen Kulturgüter sauberer bewahren als die mediterran lockeren Italiener die ihren. Dass auch hierzulande die meisten Putzfrauen und -männer aus dem Mittelmeerraum stammen, stört nur Pedanten.

Zwar hat die Unesco bei uns viel weniger Denkmäler ins Weltkulturerbe aufgenommen wie in Italien, wo auch Florenz mit dem David dazugehört. Aber immerhin sechs hat sie uns bisher zugestanden: den St. Galler Klosterbezirk, die Berner Altstadt, das Kloster St. Johann in Müstair, die Burgen von Bellinzona, das Jungfrau-Aletsch-Bietschhorn-Gebiet und den Tessiner Monte San Giorgio.

Steine gibts an diesen Orten noch viel mehr als beim Florentiner David. Etwa in der aufs Sauberste herausgeputzten Berner Altstadt mit dem historischen Sandstein und den mittelalterlichen Geranien. Dass dort die meisten Häuser aus Beton mit vorgeklebten Sandsteinplatten bestehen, braucht man den staunenden Touristen ja nicht unbedingt auf die Nasen zu binden.

Auch der Ringelspitz und die Tschingelhörner in der Glarner Hauptüberschiebung sind als neuste Kandidaten für die Unesco-Liste nach echter Schweizer Art steinreich.

Und wir von der Natur verwöhnten Schweizer brauchten unsere Beiträge zum Weltkulturerbe noch nicht einmal alle selber zu bauen. Die grossartige Landschaft um den Aletschgletscher hat uns der liebe Gott höchstpersönlich hingebaut. Diesen Sommer hat das gigantische Eisfeld so viel Schmelzwasser produziert, dass man damit gleich mehrere Davids von gigantischen Proportionen abschminken könnte. Wenn sich die Politik kaum mehr für die Umwelt erwärmen mag, erwärmt sich diese eben selbst und schickt uns die Rechnung per Erdrutsch. Der Berg ruft nicht mehr, er kommt gleich selbst.

Wenn dann die Alpen im Tal sind, haben wir endlich freie Sicht auf den sauberen Nackten in Florenz.

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