Die Meldung von der fehlenden Schwerthand kam im Sommer. Grosse Schlagzeilen machte sie nicht. Denn die Schweizerische Depeschenagentur meldete den Verlust am 28. Juni. Und damals war das Land viel zu sehr mit einem weit grösseren Verlust, einer weit schreienderen Ungerechtigkeit beschäftigt: Zwei Tage zuvor war nämlich im fernen Köln die Schweizer Fussballnationalmannschaft aus der Weltmeisterschaft ausgeschieden - ungeschlagen, wie unsere Sportredaktionskollegen nicht müde wurden zu erwähnen, nur wegen fehlenden Glücks bei der Lotterie Penaltyschiessen.

Und so litt die Berner Justitia einsam und allein. Die linke Hand mit der Waage allerdings hatte man ihr gelassen. Sie war zwar immer noch ausgewogen, aber sie hatte keine Schlagkraft mehr. Vermutlich hatte man ihr einfach zeigen wollen, dass in der Schweiz die Todesstrafe abgeschafft und das Richtschwert damit überflüssig sei. Und wenn sich die Schweizer Armee wie vor einem Monat im freiburgischen Marly 82 Sturmgewehre klauen lässt, braucht sich Frau Justitia nicht zu schämen, dass ihr das Schwert abhanden gekommen ist. Denn sie sieht und hört noch weniger als die entwaffneten Wehrmänner: Ihr sind die Augen verbunden und die Ohren mit einer Kappe verschlossen, die wie eine mittelalterliche Version der Kopfhörerinstallationen heutiger Kids aussieht.

Dass ihr die Waffen aus der Hand geschlagen werden, geschieht der Gerechtigkeit ständig und allüberall in dieser Schweiz und in der weiten Welt. Auf dem Berner Brunnen liegen ihr zwar die wichtigsten Vertreter der weltlichen Obrigkeit als kleine Steinfiguren zu Füssen: der Kaiser, der Papst, der Sultan und der Schultheiss von Bern. Aber auch die haben ihre Augen geschlossen und denken nicht daran, Justitia zu helfen und die Welt ein wenig gerechter zu machen. Ganz gewöhnliche Politiker eben.

Für die Streitereien von Politikern hat die Gerechtigkeit auf dem Brunnen schon einmal büssen müssen. Vor 20 Jahren zerstörten politische Aktivisten aus dem Jura die Figur, aus Protest gegen die Parteilichkeit der Berner Justiz. Diese hatte nämlich die Regierungsräte, die mit ihren schwarzen Kassen die Juraabstimmungen verfälscht hatten, ungestraft laufen lassen. Die Justitia wurde damals restauriert, aber gleich an einen sicheren Ort im Museum versorgt. Auf dem Brunnen steht seitdem eine - jetzt frisch geflickte - Kopie. Die Gerechtigkeit selbst lässt sich nicht so leicht reparieren. Da bräuchte es mehr als nur Steinmetzwerkzeug.

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