Das Schachbrett, das die Weltmeisterschaft bedeutet, steht in Brissago am Ufer des Lago Maggiore. So haben wir doch wenigstens eine Weltmeisterschaft, falls die Uefa ihr Verbandsbeschwerderecht wahrnehmen und uns die Fussball-Europameisterschaft wieder wegnehmen sollte.

Wie das Bild zeigt, sind Peter Leko und Wladimir Kramnik, die Herren von König und Dame, die letzten Sportler, die noch offen für blauen Dunst werben dürfen. Hauptsponsor des Ereignisses ist nämlich der Zigarren-Multi Dannemann. Und die Partien werden im Centro Dannemann ausgetragen, im Obergeschoss der berühmten Tabakfabrik, wo weiter unten noch immer Brissago- und Toscani-Stumpen gedreht werden – obwohl zu den Rösselsprüngen der Schachcracks Rössli-Stumpen eindeutig besser passen würden.

Die Fabrikate aus den unteren Stockwerken allerdings sind in der Beletage tabu. Vorbei sind die Zeiten, als die Schachgrössen im Nervenkrieg ihre Gegenüber einnebeln durften. Heute ist im Oberstübchen frische Luft gefragt. In Zukunft werden die Anwärter auf die Weltmeisterschaft ja wohl von IBM oder Dell gestellt. Und wenn digitale Spieler rauchen, gibts Alarm.

Verglichen mit dem, was bei der Fussball-Europameisterschaft zu erwarten ist, bietet diese ruhige Denksportart übrigens klare Vorteile. Die Sicherheitskosten sind ausgesprochen gering, denn das Hooligan-Problem ist zu vernachlässigen. Und auf den Gegner gespuckt wird nicht mal verbal.

Vielleicht wären solche Meisterschaften im Kleinformat die Lösung für den Schweizer Sport, der angeblich keine grossen Würfe mehr hinkriegt. Dann organisieren wir halt eine internationale Jassmeisterschaft. Da gehts wie beim Schach um Könige und Damen und Bauern, und wir hätten weit bessere Siegeschancen als im Fussball. Damit sich niemand benachteiligt fühlt, richten wir voll sportlicher Correctness für die ausländische Konkurrenz eine Skatecke und einen Bridge-Corner ein. Mit den Stadien sollte es ohnehin keine Probleme geben. Die Beizen stehen längst bereit, und dort sind vorläufig auch die Brissago- und Toscani-Aufputschstäbe noch erlaubt.

WM-Sponsor Dannemann gehört übrigens teilweise der schweizerischen Zigarrenfirma Burger. Der genialste Spross dieser Dynastie, der verstorbene Schriftsteller Hermann Burger, hat sich in der engen schweizerischen Provinz, wo die grossen Würfe so selten sind, besonders gut ausgekannt und sie präzis karikiert. Er bringt uns damit zurück zum Jassen. Burgers berühmteste, brillanteste und böseste Satire heisst «Schilten». Eicheln und Schellen haben wir reichlich, nur die Rosen müssten wir noch finden. Das dürfte eine dornige Suche werden.

Nach einem Blick auf die jüngsten Schlagzeilen aus unserer nationalen Politik bescheiden wir uns wohl lieber mit einer Schwarzer-Peter-Meisterschaft.

Quelle: Remy Steinegger