Die machen uns alles nach. In diesen historischen Zeiten, da die EU in Europas Osten die Grenzzäune durchschnitten und ihre Mitgliederzahl aufgestockt hat, tut sie ganz offensichtlich das, was ihr viele Schweizer schon seit langem empfehlen: Sie bereitet sich darauf vor, der Schweiz beizutreten. Oder wie sollen wir es sonst verstehen, dass Tony Blair in Grossbritannien demnächst nach gutschweizerischem Vorbild eine Volksabstimmung über die EU-Mitgliedschaft durchführen will? Einem echten Anhänger des Westminster-Parlamentarismus muss das als veritables Blair-Witch-Project erscheinen, als Hexenwerk und Gruselfilm aus dem finsteren Wald kontinentaler Politiksitten.

Zweitens macht die EU dank der Aufnahme Zyperns erstmals Bekanntschaft mit dem Phänomen der Halbkantone. Und drittens hat sie jetzt 25 Mitglieder – wie die Schweiz bis vor 25 Jahren. Zugegeben, von den einst 25 Schweizer Kantonen waren sechs ja auch nur halbe. Aber unter den 25 EU-Mitgliedern scheinen einige ja auch nur halb bei der Sache zu sein. Das 26. Mitglied der Schweiz wurde damals übrigens der Kanton Jura. Und wer wird wohl dereinst der Kanton Jura der EU? Der Vatikan? Liechtenstein? Oder die Westschweiz?

Nur mit ihrem Geburtstag ist uns die neue EU einen Schritt voraus. Die erweiterte Europäische Union kam am 1. Mai zur Welt, unsere Eidgenössische Union angeblich erst am 1. August. Und Feuerwerk gabs in der Geburtsnacht der neuen EU mindestens so viel wie bei uns jeweils am 1. August. Auch da waren wir dem neuen Bund feuriges Vorbild. Die bunten Funken am Nachthimmel tauchen auch in beiden Hymnen auf, bei der EU als schöner Götterfunken, im Schweizerpsalm als Sternenmeer.

Und was dieser Schwabe Friedrich Schiller in seinem EU-Hymnentext geschrieben hat! «Alle Menschen werden Brüder» – dass wir nicht lachen! Der sollte aus seinem «Wilhelm Tell» selbst am besten wissen, dass es damals auf dem Rütli hiess: «Wir sind das Volk von einigen Brüdern.» Da sorgen einige dieser Brüder in der Sondersession zum Ausländergesetz schon dafür, dass nicht alle Menschen unsere Brüder werden – von Schwestern gar nicht zu reden.

Für Deutschland wird nach der Öffnung der Grenzen zu Polen und zur Tschechischen Republik manches einfacher. Überzählige deutsche Grenzschutzbeamte können jetzt die Wacht am Rhein gegen die Schweiz verstärken. Dort bleiben ja, wie man in den letzten Wochen lesen musste, noch haufenweise Überstunden abzubauen.

Die Schweiz bleibt also die sturmumtoste Insel im europäischen Meer. Die Inselwitze werden uns noch oft auf die berühmte Einzelpalme der Witzinsel treiben. Und wie man von den Malediven oder pazifischen Ministaaten weiss, drohen solche Kleinstinseln dank der globalen Wirtschaftsklimaerwärmung in naher Zukunft abzusaufen.

Quelle: AP