Die Bücher wachsen in den Himmel. Jedes Jahr wird in Frankfurt am Main die hohe Messe des Buches gelesen. Und dieses Jahr bescherte uns die Firma Brockhaus zu dieser Messe eine monströse Monstranz. Zu seinem 200. Geburtstag und der 21. Auflage seiner legendären Enzyklopädie schenkte das Haus sich und uns Lexika so gross wie ein Haus, eine Ausgabe im Überformat. Das ist wohl die Gegenbewegung zur Miniaturisierung: Wenn man den Inhalt der 30 gewichtigen Brockhaus-Bände auf zwei DVDs und einem Speicherstick mit sich tragen kann, kommen die Exemplare in der Werbung umso gigantischer daher: als vier Meter hohe Monumente des Wissens. Die Brockhäusler haben uns da was wirklich Grosses eingebrockt.

Da die schreibende, verlegende und rezensierende Schweizer Literaturszene dieser Tage ebenfalls beinahe lückenlos in Frankfurt zu Gast war, standen diese grossen Bücher natürlich auch für uns kleine Schweizer in der deutschen Gegend herum. Denn auch bei uns gilt ja der Brockhaus als das Lexikon schlechthin, als fast so allwissend und allmächtig wie der Duden – der übrigens aus demselben Verlag kommt –, als absolute Instanz in allen Wissensfragen und Zweifelsfällen. An Schweizer Lexika ist in jüngster Zeit ja nur gerade jenes der populären Irrtümer erschienen – für die Wahrheiten müssen wir uns halt an die Deutschen halten.

Auf einem der Bilder aus Frankfurt war an einem der Buchriesen gar eine Art Türchen an der Seite zu entdecken. Das Wissen wurde hier also buchstäblich begehbar. Endlich konnte man da den Marsch zur Erkenntnis unter die eigenen Füsse nehmen – selbst wenns durch ein Seitentürchen war. Irgendwie erinnert mich das an jene fernen Zeiten, als ich vor lauter Wissensdurst fast in Vaters Brockhaus-Bände hineinkroch. Und mir dabei dachte, das Lexikon heisse so, weil in diesem Haus so grosse Brocken an Wissen herumlägen. Oder weil die Riesenschinken als Blockhaus des Wissens Schutz gegen Eindringlinge böten – wie die Blockhäuser der weissen Siedler einst gegen die Angriffe der wilden Indianer.

Das Haus Brockhaus hat sich mit seiner Buchmesseaktion unseren ganz besonderen Dank verdient. In den deutschsprachigen Ländern steht der Turm der Bildung ziemlich schief, wie Pisa gezeigt hat. Die 30 Brockhaus-Wissenstürme zu Frankfurt rückten dieses Bild feierlich wieder gerade.

Bleibt nur noch die Frage, was mit den Riesen nach der Buchmesse geschieht. Leute mit entsprechenden Büchergestellen sind doch eher selten. Und die öffentlichen Bibliotheken können sich solche Gulliver-Exemplare auch nicht mehr leisten. Wahrscheinlich landen die Dinger im Brockenhaus.

Quelle: Joerg Sarbach