Ein Schneeglöckchen braucht mässig Feuchtigkeit, gesunde Erde, ordentlich Sonne sowie eine amtliche Bescheinigung. Jedenfalls dann, wenn die Zwiebel aus dem Ausland stammt – und in Schweizer Boden spriessen soll.

Herbst 2003. Fritz Wassmann aus Hinterkappelen bestellt bei einem deutschen Lieferanten 250 Stück Blumenzwiebeln. Sie sind bestimmt für eine grössere Schneeglöckchen-Bepflanzung in einem Privatgarten. Die Postsendung erfolgt pünktlich und auftragsgemäss. Doch liegt ihr ein gewichtiges Schreiben bei, ausgestellt vom Bundesamt für Veterinärwesen (BVET). Es überwacht den internationalen Handel mit gefährdeten Arten frei lebender Tiere und Pflanzen. Verfügung Nr. 262/2003/27 hält fest, dass die Zwiebeln nicht gepflanzt werden dürfen: Sie seien vollständig – «in lebendem oder abgestorbenem Zustand» – beim BVET abzuliefern.

Wassmann ist verdutzt. Das Schreiben liest er nicht genau – er hätte 30 Tage Zeit, ein Artenschutzzeugnis nachzuliefern. Er lagert die Zwiebeln ein und wartet auf ein Zeichen des Amts. Ein unangemeldeter Besuch beim BVET misslingt.

Wassmann schreibt an die Rekurskommission des Eidgenössischen Volkswirtschaftsdepartements: «Wenn ich bei einer seriösen Firma im EU-Raum bestelle, kann ich davon ausgehen, dass alles seine Richtigkeit hat.» Er schlägt vor, die Zwiebeln ohne Eigengewinn zu pflanzen – um sie vor dem Eingehen zu bewahren. Das Amt geht nicht darauf ein.

«Läppische Angelegenheit»
Der Artenschutz war bis heute nie ein Gegenstand der Verträge zwischen der Schweiz und der EU: Das Schneeglöckchen wurde in den bilateralen Abkommen übergangen. EU-interne Bescheinigungen genügen den Schweizern nicht. Ein korrektes Artenschutzzeugnis hätte Wassmanns deutschen Lieferanten 50 Euro gekostet. Wert der 250 Blumenzwiebeln: 30 Euro.

Fritz Wassmann zieht seine Beschwerde beim Volkswirtschaftsdepartement zurück, als er vom unumgänglichen Kostenvorschuss erfährt: 800 Franken. Bescheinigungen, die er dem BVET nachliefert, werden nicht anerkannt. «Die nachgesandten Zeugniskopien haben keinen Bezug zur beanstandeten Sendung», lässt man ihn wissen. Verlangt werden deutsche Originalzeugnisse. Das BVET besteht auf den Kosten für die Verfügung.

Die letzte Frist für die Ablieferung beim BVET hält Wassmann nicht ein. Die Zwiebelchen stünden bei ihm in Hinterkappelen zum Abholen bereit: «Ich hoffe, dass die läppische Angelegenheit bald zu Ende sei», schreibt er dem BVET.

Fritz Wassmann ist ein erfahrener Pflanzenkundler und seit seiner Jugend ein engagierter Natur- und Umweltschützer. Er ist aktiv in verschiedenen Begrünungsprojekten. «Ich bin ein gehorsamer Bürger, aber der Gehorsam muss Sinn machen», sagt er. Der Verantwortliche des BVET erklärt: «Unsere liebste Verfügung ist eine Freigabeverfügung. Aber das Gesetz lässt keinen Spielraum zu.»

Wassmanns Gebührenschulden belaufen sich auf Fr. 330.75. Er ist «unter keinen Umständen» bereit, sie zu bezahlen. Sein Renault, Jahrgang 1997, Kilometerstand 200000, wurde kürzlich gepfändet.

Die Schneeglöckchen-Zwiebeln, verwahrt in einem Plastiksack und bereit zur Ablieferung an das BVET, sind längst zu Staub zerfallen.