Wer in der zweiten Januarwoche seinen Hausarzt sucht, geht am besten Ski fahren. Auf den Pisten von Davos vergnügen sich dann 700 Ärzte. Gleichzeitig nehmen sie am Fort­bildungskongress der Lunge Zürich teil (ehemals Lungenliga Zürich). Es ist ein Traditionsanlass: Seit den Anfängen in den vierziger Jahren, als die Tuberkulosebekämpfung im Zentrum stand, hat er sich zum wichtigsten Hausarztkongress in der Schweiz gemausert. Auf dem Programm stehen diesmal Kurse wie Reanimation, Ultra­schalltechnik und «Spiritualität in der Hausarztpraxis».

Die Mediziner geniessen in Davos aber auch die schönen Seiten des Lebens. Bisher konnten sie am Morgen und am spä­teren Nachmittag Vorträge besuchen und sich tagsüber auf der Piste tummeln. Am freien Nachmittag spielten sie gegen eine Mannschaft der Pharmafirmen Eishockey, die Frauen besuchten derweil das Kirch­ner-Museum. Und wer Lust hatte, ging auf eine Schneeschuhwanderung.

Doch diese Zeiten sind vorbei. Die Pharmaindustrie will sich nicht länger vorwerfen lassen, Ärzte mit üppigen Verwöhnprogrammen für ihre Produkte einzuspannen. Auch wenn diese bis heute manchmal schamlos nach Unterstützungsbeiträgen für Festivitäten betteln oder gar handfeste Zahlungen fordern (Beobachter Nr. 7/12). Denn die Branche hat in den letzten Jahren ihre Richtlinien für das Sponsoring kontinuierlich verschärft.

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Keine teure Bergkulisse mehr

Die neuste Regel: Ab 2015 werden Pharma- und Medizinaltechnikfirmen grundsätzlich alle Spenden, Honorare und andere «geldwerte Leistungen» an Ärzte, Spitäler und andere Einrichtungen des Gesundheits­wesens veröffentlichen, inklusive Namen der Begünstigten. Eine ähnliche Regelung steht in den USA seit 2012 sogar im Gesetz.

Den neuen Wind zu spüren bekommen ausgerechnet die Hausärzte, die auf der Lohnskala der Mediziner ohnehin im untersten Bereich liegen. Auf Druck der Industrie musste Lunge Zürich das Programm ihres Hausarzt-Fortbildungskurses anpassen, wie Geschäftsführer Robert Zuber bestätigt. «Hier wird mit Kanonen auf Spatzen geschossen. Die Kritik an unserem Programm ist an den Haaren herbeigezogen», sagt Zuber. Er ver­stehe zwar, wenn sich die Pharmaindustrie in anderen Ländern gegen Korruption ab­sichere. Aber doch nicht in der Schweiz.

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Sogar den Vorkurs des Kongresses vermiest die Pharma den Ärzten. Getroffen haben sie sich jeweils auf dem Weissfluhjoch, um das Thema Ernährung zu diskutieren. Die Sponsoren kamen zum Schluss, der Tagungsort auf 2693 Metern über Meer inmitten einer eindrücklichen Bergkulisse habe keinen Zusammenhang mit dem Thema des Seminars. Verbittert stellt der Geschäftsführer von Lunge Zürich fest: «Aus Sicht der Industrie sollten wir wahrscheinlich unseren Kongress in der Turnhalle Schwamendingen durchführen, damit niemand auf die Idee kommt, es sei auch noch angenehm schön.»

Dass die Pharma- und Medizinaltechnologiebranche Kongresse auf Herz und Nieren prüft, hat Gründe. Ihre europäischen Dachverbände führen neuerdings eine öffentliche Datenbank, auf der Kongresse analysiert und bewertet sind – hinsichtlich ihrer ethischen und moralischen Anforderungen und bezüglich möglicher Korruptionsvorwürfe. Begutachtet werden der Tagungsort, das Tagungsprogramm, die Unterkunft, das Angebot für Begleitpersonen und auch das Freizeitprogramm. Daraufhin verteilt die Indus­trie grüne oder rote Punkte. Überwiegend mit Rot bewertete Kongresse erfüllen die im sogenannten Pharma-Kooperationskodex aufgelisteten Richtlinien nicht und werden künftig kaum Sponsoren finden. Urs Kientsch, Sprecher des Pharmamultis GlaxoSmithKline: «Für eine Tagung braucht es gute Infrastruktur und einen guten Service, aber keinen übermässigen Luxus. Das ist nicht mehr zeitgemäss.»

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Etikettenschwindel an Nobelhotels

Nicht nur die Ärzte beklagen sich. Auch die Hotels sind unglücklich über die neue Zurückhaltung von Big Pharma, vor allem Häuser der Luxusklasse. «Die restriktivere Haltung wirkt sich aufs Kongressgeschäft aus», sagt die Davoser Marketingdirektorin Annemarie Meyer. «Das spüren wir in Davos relativ stark.» Gejammert wird jedoch auf hohem Niveau. Dank stetig ausgebauter Kongressinfrastruktur nimmt die Zahl der Logiernächte weiterhin zu.

Trotzdem machen einige Hotels mehr oder weniger offen die Pharmaindustrie für einen möglichen Umsatzeinbruch verantwortlich. Einige glauben, einen Trick gefunden zu haben, mit dem sie die Branche wieder dazu bringen, in ihrem Luxushotel abzusteigen. 17 Häuser in der Schweiz verzichten nun auf ihre fünf Sterne und nennen sich nur noch «Interna­tional Chain Hotel». Neustes Beispiel: das «Intercontinental» in Davos. «Diese neue Kategorie ist als Reaktion auf die Haltung der Pharmabranche eingeführt worden, keine Tagungen und Kongresse mehr in Fünfsternehäusern durchzuführen», bestätigt Thomas Allemann, Geschäftsleitungsmitglied von Hotelleriesuisse.

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«Ein Fünfsternehotel als Tagungsort kann für unsere Firma ein Ausschlusskriterium sein», sagt GlaxoSmithKline-Sprecher Kientsch. «Wir unterstützen keine Anlässe mit übermässigem Luxus.» Die im September überarbeiteten Benimm­regeln der Branche sagen aber mit keinem Wort, dass Fünfsternehotels generell gemieden werden sollen. Im Kooperationskodex steht nur, dass auf «Örtlichkeiten, die für ihre Unterhaltungseinrichtungen renommiert sind oder als extravagant gelten», zu verzichten sei.

Fünf Sterne sind einer zu viel

Ganz offensichtlich spielen die Luxushäuser mit gezinkten Karten. Das Davoser «Intercontinental» inszenierte sich in verschiedenen Medien als Opfer der rigideren Pharmabranche und will deshalb keine Sterne mehr montieren. Auf der Website hingegen prangen die fünf Sterne weiterhin. «Hotels, die ihre Sterne abmontieren, versuchen etwas zu kaschieren, das nicht zu kaschieren ist», meint dazu lakonisch Dieter Grauer, stellvertretender Direktor des Pharma- und Chemie-Branchenverbands Scienceindus­tries. «Es ist wie bei den Autos: Ein Mercedes ohne Stern bleibt ein Mercedes.»

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Bestes Beispiel, dass die Tränendrüsenmasche der Hoteliers keinen direkten Zusammenhang mit den neuen Regeln der Pharmabranche hat, ist Davos. Hier finden die Kongresse und Tagungen gar nicht in Hotels statt, sondern im Kongresszentrum. Die Pharma finanziert den Ärzten schon länger keine Übernachtungen mehr. Die Teilnehmer bezahlen die Übernachtungskosten selber.

Tatsächlich dürfte der Verzicht auf die Sterne ein Versuch der Hoteliers sein, Geschäftsreisende bei der Stange zu halten. Das Problem: Für viele Firmen sind heute Übernachtungen in Fünfsternehotels ­tabu. Vier Sterne müssen reichen, finden sie aufgrund interner Sparprogramme. Dazu kommen aktive Steuerbehörden, die Abrechnungen von Geschäftsreisenden und Weiterbildungen besonders genau unter die Lupe nehmen.

Übernachtungen unter vier Sternen gelten noch als Weiterbildung oder als geschäftlich bedingt. Logiert man aber in einem Fünfsternepalast, ordnen das die Steuerbehörden dem Ferien- und Freizeitvergnügen zu.

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