Langenthals Zivilschutzkommandant Urs Ammann spricht Klartext: «Bekäme ich den Befehl, das Langetental zu evakuieren, wäre das unmöglich.» Wenn eine atomare Wolke im Anzug sei, wären die Strassen vermutlich verstopft. «Käme es dann irgendwo zu einem Unfall, wäre das Chaos perfekt.»

Für Martin Roth, Leiter des Kantonalen Krisenstabs Basel-Stadt, gibts beim Thema Evakuierung zumindest «unterschiedliche Sichtweisen» zwischen Bund und Kantonen. Er sei noch nie gefragt worden, wie er sich vorstelle, ganz Basel mit seinen 191'000 Einwohnern zu evakuieren. Im Fall einer radioaktiven Bedrohung würde er auf das setzen, was er zu bieten habe: Jodtabletten und Schutzräume. Eventuell genüge es auch, bei geschlossenen Fenstern im Haus zu bleiben – vorzugsweise im Keller.

Der Bund zieht Evakuationen als dritte Möglichkeit in Betracht. Dass diese nun stärker gewichtet wird, hat auch damit zu tun, dass die Menschen heute auf viele verschiedene Arten Informationen einholen können und mobiler sind, erklärt Kurt Münger, Chef Kommunikation des Bundesamts für Bevölkerungsschutz (Babs).

Doch die Frage, wie der Bund Evakuierungen konkret durchführen würde, bleibt offen. Entsprechende Fragen des Beobachters hierzu blieben unbeantwortet.

Sicher ist nur: Die Massnahmen, die im Ernstfall getroffen werden, gelten im Umkreis von 20 Kilometern um das jeweilige AKW. Bei Gösgen etwa wären 186 Gemeinden mit 383'089 Einwohnern betroffen. Allerdings ist fraglich, ob auch wirklich alle Bewohner den Sirenenalarm hören würden. Gemäss BeobachterNatur (Nr. 3) funktionieren bei einem Stromausfall nur die neueren Sirenen, die über ein Notstrom­aggregat oder Batterien verfügen.

«Eine Evakuation wird nur durchgeführt, wenn sie vorsorglich angeordnet werden kann», erklärt Kurt Münger vom Babs. «Das bedeutet, dass zwischen dem Unfall im AKW und dem Austritt der radioaktiven Strahlung genügend Zeit vorhanden sein muss.» Das Bundesamt geht davon aus, dass der weitaus grösste Teil der betroffenen Bevölkerung bei einem Alarm das zu evakuierende Gebiet selbständig verlässt und sich auch selbst eine Unterkunft organisiert: bei Verwandten, Bekannten, in Ferienhäusern und -wohnungen. Nur für einen kleinen Teil der Bevölkerung, insbesondere pflegebedürftige Personen, müsste man Lokalitäten zur Unterbringung und Transporte organisieren.

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Quelle: Thinkstock Kollektion

20 Kilometer sind knapp bemessen

Für die Menschen ausserhalb der 20-Kilometer-Zone sind keine besonderen Massnahmen vorgesehen. Der Zonenradius stützt sich auf Erkenntnisse, die die US-Regierung nach der AKW-Katastrophe von Three Mile Island von 1979 gewonnen hat. Die revidierte Verordnung über den Notfallschutz, die seit Anfang Jahr in Kraft ist, orientiert sich noch heute daran. Sie präzisiert einzig die Kompetenzen zwischen den Standortkantonen und den Gemeinden.

Doch wenn sich radioaktive Strahlung ausbreitet, hält sie sich nicht an Zonenpläne. Im Fall von Tschernobyl hat sich die radio­aktive Strahlung über halb Europa ausgebreitet. Mitte Mai wurde zudem bekannt, dass Experten in der Provinz Miyagi, rund 60 Kilometer nördlich von Fukushima, auf radioaktives Weidegras gestossen seien.

Wohin und wie schnell sich Radioaktivität in der Luft bewegt, hängt von Luftdruck, Windgeschwindigkeit und Windrichtung ab. Nur: In verschiedenen Höhen wehen unterschiedlich starke Winde und dazu noch in diverse Richtungen. Eine Standardlösung für den Fall, dass Radioaktivität aus einem AKW austritt, bleibt eine Illusion.

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Das war auch der Grund, weshalb die US-Regierung ihren Landsleuten in Japan empfahl, die Region um Fukushima im Umkreis von 80 Kilometern zu verlassen. Damit untermauerten sie indirekt eine alte Forderung von Greenpeace. Die Umweltschutzorganisation fordert seit Jahren, die Notfallschutzzonen auf 80 bis 120 Kilometer Radius zu vergrössern.

Jetzt geht die Schweiz über die Bücher

Am 4. Mai 2011 hat der Bundesrat beschlossen, eine interdepartementale Arbeitsgruppe zur Überprüfung der Notfallschutzmassnahmen bei Extremereignissen in der Schweiz einzusetzen. Aufgrund der ersten Erkenntnisse aus dem Unfall in Fukushima und den dortigen Notfallmassnahmen habe sich Handlungsbedarf ergeben.

In einem Interview mit dem «Bund» vom vergangenen März hat Bundesrat Ueli Maurer die Aussage, dass die Evakuationspläne alles andere als ausgereift seien, nicht kritisiert. Aus diesem Grund sei man jetzt auch daran, mit Fachleuten zu prüfen, wie eine solche Evakuierung am besten zu organisieren wäre, meinte er. Damit spielte er auf eine Studie an, die das Bundesamt für Bevölkerungsschutz bereits vor den Ereignissen in Fukushima bei der ETH Zürich in Auftrag gegeben hat. Diese soll die Evakuation von mehreren hunderttausend Menschen um das AKW Gösgen simulieren.

Im Jahr 2015 wird die «Strategie Bevölkerungs- und Zivilschutz Schweiz 2015 plus» ausgearbeitet sein. Vielleicht weiss der Bund dann, wie er die Bevölkerung konkret vor einer atomaren Wolke schützen will – 46 Jahre nach Inbetriebnahme des ersten AKWs.

Schutzraumpflicht: Was nun?

Zwei Tage bevor der Tsunami auf Fukushima traf, sprach sich der Nationalrat gegen die Pflicht zum Bau eines Schutzraums für private Hauseigen­tümer aus, mit 82 zu 68 Stimmen und gegen den Willen des Bundesrats. Der Ständerat stellte sich am 31. Mai mit 27 zu 12 Stimmen hinter die Schutz­raumpflicht – neu jedoch nur für Überbauungen ab 28 Zimmern statt wie bisher ab 8 Zimmern. Die Vorlage geht jetzt zurück an den Nationalrat.

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