Manchmal holt die Geschichte ihre Akteure ein. Am 2. März 1988 informierte der damalige Nationalrat Christoph Blocher in Bern die verdutzten Bundeshausjournalisten über einen Coup, den eine handverlesene Schar bürgerlicher Parlamentarier ausgearbeitet hatte. In einer Motion forderten sie den Verzicht auf das umstrittene Atomkraftwerk Kaiseraugst.

20 Jahre später fliesst in der Villa des Ex-Bundesrats nur noch Ökostrom aus der Steckdose. In Blochers Wohngemeinde Herrliberg wird seit Oktober 2007 ausschliesslich «herrli.naturpower» ins Netz gespeist: Strom, der zu 95 Prozent aus zertifizierten Wasserkraftwerken und zu fünf Prozent aus erneuerbarer Energie gewonnen wird. Früher hatte die Zürcher Goldküstengemeinde 85 Prozent ihrer Elektrizität aus Atomkraftwerken bezogen.

Der Abschied vom Atomstrom habe einem «vielseitigen Wunsch der Bevölkerung» entsprochen, sagt Thomas Buchmüller vom Bauamt Herrliberg. Bisher habe es nur ein paar wenige negative Stimmen gegeben. Allerdings auch noch keine Anfragen von anderen Gemeinden, die den Atomausstieg en miniature kopieren wollen.

Sie werden den Atomstrom nicht los
Andernorts geht es etwas gemächlicher mit dem Ausstieg aus der Atomkraft: In Basel etwa, wo laut einem Grossratsbeschluss ab 2009 kein Atomstrom mehr fliessen sollte, wird der Termin nicht eingehalten werden können. Die Berner Stadtregierung hat sich zum Ziel gesetzt, bis 2015 keinen Nuklearstrom mehr ins Netz zu speisen, und hat soeben, quasi als Zeichen, eine Einsprache gegen die beantragte unbefristete Betriebsbewilligung für das nahe gelegene AKW Mühleberg eingereicht. Der Kanton Bern hat in seiner Energiestrategie festgeschrieben, dass Atomkraft keine Zukunft habe, allerdings ohne einen konkreten Ausstiegstermin zu nennen. Und in Zürich werden die Stimmberechtigten im November über einen langfristigen Ausstieg abstimmen.

Doch die atomkritischen Absichten der grossen, links-grün regierten Städte und Kantone sind mit Vorsicht zu geniessen. So schnell nämlich werden sie den Atomstrom nicht los: Die Stadt Zürich besitzt 15 Prozent der Aktien des AKWs Gösgen, die Stadt Bern 7,5 Prozent. Nach wie vor gehören zudem die grossen Elektrizitätsgesellschaften Axpo und BKW mehrheitlich den Kantonen. Doch auch wenn die atomkritischen Regierungen mit ihren direkten Beteiligungen oder über ihre indirekten Verflechtungen faktisch die Schweizer Atomkraftwerke besitzen, ist ihr Einfluss beschränkt. Die mehrheitlich nuklearfreundlichen Verwaltungsräte und Manager der Stromriesen lassen sich von Politikern nur ungern ins Geschäft reden. Trotz kritischen Tönen kann daher von einem effektiven Ausstieg aus der umstrittenen Technologie in der Schweiz keine Rede sein.

Anzeige

Im Gegenteil: Im Juni hat die Atel ihre Pläne für ein neues AKW in Gösgen präsentiert und dafür beim Bundesrat ein Rahmenbewilligungsgesuch eingereicht. Bis Ende dieses Jahres wollen Axpo und BKW mit zwei weiteren Gesuchen für neue AKWs in Beznau und Mühleberg folgen.

Klimaschutz als willkommenes Argument
Braucht die Schweiz überhaupt ein neues AKW? Immerhin sollen die bestehenden Atommeiler nach der Vision der Elektrizitätswirtschaft 50 oder gar 60 Jahre am Netz bleiben.

Tatsache ist: Die Schweizer Atomlobby liegt mit ihren Neubauplänen voll im internationalen Trend. Der Schock der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl 1986 ist verdaut. Der steigende Ölpreis tut das Seine, um die zwischenzeitlich verpönte Technologie wieder salonfähig zu machen. Inzwischen argumentiert die Stromwirtschaft vermehrt mit dem Klimaschutz – anders als etwa Kohlekraftwerke stossen Atommeiler nicht das Treibhausgas CO2 aus. Zudem wächst der Stromkonsum allen Sparmassnahmen zum Trotz. Die Internationale Energieagentur (IEA) sieht deshalb einen Bedarf von weltweit 1300 neuen Atomkraftwerken. In Europa waren Anfang Jahr zwölf neue Atommeiler im Bau und 16 weitere geplant, die meisten in Osteuropa. Und selbst in Deutschland, das unter der links-grünen Regierung Schröder den Ausstieg aus der Atomkraft bis ins Jahr 2020 beschloss, spricht man plötzlich darüber, die verbleibenden 17 Meiler doch noch einige Jahre länger laufen zu lassen (siehe Artikel zum Thema «Jürgen Trittin: ‹Alte Atomkraftwerke sind Gelddruckmaschinen›»).

Die Atomfrage polarisiert auch in der Schweiz. Die Umweltorganisation Greenpeace etwa rüstet ihre Mitglieder bereits ideologisch auf. In einem 19-tägigen Lehrgang mit dem sinnigen Namen «Teilchenbeschleuniger» sollen Aktivistinnen und Aktivisten lernen, wie man für ein «Revival der Anti-Atom-Bewegung» sorgt. Auch die ehemalige Parteipräsidentin der Grünen und heutige Zürcher Stadträtin Ruth Genner kündigte bereits vor Jahresfrist «heftigsten Widerstand» ihrer Partei und ein Referendum gegen eine allfällige Rahmenbewilligung an. Unterstützung erhalten die Grünen von der SP, deren Bundeshausfraktion im Juni eine Resolution mit dem Titel «Nein zu neuen Atomkraftwerken» verabschiedet hat. Noch ist der Widerstand aber nicht richtig auf Touren gekommen: Bloss etwa 50 Unentwegte erschienen zum «Anti-Atom-Picknick» am 1. August unweit des AKWs Mühleberg an der Aare.

Anzeige

Atomreaktoren in der Schweiz

17-08-Atomkraft05.jpg

Atomkraftwerkbetrieben seitvoraussichtliche Abschaltung*Leistung in Megawatt**
1 Beznau I 19692019 365
2 Beznau II19712021 365
3 Mühleberg19722022*** 355
4 Gösgen19792039 970
5 Leibstadt198420441165

Forschungsreaktoren
a Universität Basel
b Paul-Scherrer-Institut, Villigen AG
c ETH Lausanne
d Cern, Meyrin GE
17-08-Atomicon.gif Zwischenlager, Würenlingen AG




* Prognose der Energiewirtschaft

** zum Vergleich: 1 Megawatt = 1359 PS

*** befristete Betriebsbewilligung bis 2012, Gesuch um unbefristete Betriebsbewilligung hängig
Quelle: Energiewirtschaft, Swissnuclear; Infografik: Beobachter/dr

Stromverbrauch steigt und steigt
Bei den Bürgerlichen ist die Front geschlossen: SVP und CVP möchten die bestehenden AKWs nach Ende ihrer Laufzeit an den bisherigen Standorten ersetzen. Auch die FDP lässt keinen Zweifel an ihrer Unterstützung der Atomkraft. Schützenhilfe kommt von Avenir Suisse: «Die hohe Verfügbarkeit des Brennstoffs Uran sowie die tiefen Grenzkosten der Stromproduktion machen Kernkraftwerke in einem offenen europäischen Markt zu einer vorteilhaften Versorgungsstrategie», so der wirtschaftsnahe Think-Tank in einer im Juli veröffentlichten Studie.

Eines der stärksten Argumente für ein neues AKW liefern Herr und Frau Schweizer selber: Sie erwerben zwar fleissig sparsamere Kühlschränke, Waschmaschinen und Lampen. Indem sie jedoch ebenso fleissig immer mehr energiefressende Geräte wie etwa Wäschetumbler kaufen und zudem mit TV-Geräten, Stereoanlagen und Kaffeemaschinen im Stand-by-Betrieb nutzlos Energie verpuffen, steigt der Stromverbrauch in Realität ständig an. Zwischen 1997 und 2007 schoss der gesamte Stromkonsum um 18 Prozent in die Höhe. Weil gleichzeitig die Bevölkerung wuchs, stieg der Pro-Kopf-Verbrauch weniger stark, aber immer noch deutlich: um rund zehn Prozent.

Anzeige

Braucht die Schweiz ein neues AKW? Mit ihrem zwiespältigen Verhalten im täglichen Leben setzen die Stromkunden - gewollt oder ungewollt - auf Atomkraft. Sie liefert jenen Grundbedarf an Energie, ohne den wir uns den Alltag kaum mehr vorstellen können.

Elektrische Energie wäre eigentlich in der Schweiz genügend vorhanden, denn hierzulande wird immer noch etwas mehr Strom produziert als verbraucht. Weil sich Elektrizität aber nicht im grossen Stil speichern lässt, wird damit gehandelt. Europäische Atom-, Kohle- oder Gaskraftwerke, die tagein, tagaus die gleiche Menge Strom produzieren, müssen nachts, wenn die Nachfrage klein ist, ihren Strom billig verscherbeln - etwa in die Schweiz. Hier wird er benutzt, um Wasser in die höher gelegenen Speicherseen zu pumpen. Tagsüber, wenn in Europa gekocht, gewaschen und produziert wird, erzeugen die Schweizer Wasserkraftwerke wertvolle zusätzliche Elektrizität. «Veredelung» nennt die Stromwirtschaft diesen Vorgang, bei dem unterm Strich Elektrizität vernichtet wird: Jede in einem Pumpspeicherkraftwerk produzierte Kilowattstunde benötigt 1,3 Kilowattstunden, um das dafür notwendige Wasser hochzupumpen.

Die Schweiz ist zu einer Drehscheibe des europäischen Stromhandels geworden. Die zur Axpo gehörende EGL-Gruppe etwa verschob im Geschäftsjahr 2006/2007 insgesamt 67 Milliarden Kilowattstunden Strom - mehr, als die Schweiz in einem Jahr verbraucht. Dieser Handel benötigt ebenfalls Strom, denn beim Transport der riesigen Mengen entsteht Wärme, die «verlorengeht»– und zwar nicht zu knapp: Rund vier Milliarden Kilowattstunden verpuffen gemäss Energiestatistik des Bundes ungenutzt. Das entspricht etwa der eineinhalbfachen Jahresproduktion des AKWs Mühleberg.

Anzeige

Im Ausland dick im Geschäft
Nichtsdestotrotz ist es für die Schweizer Stromwirtschaft ein lukratives Geschäft: 1,3 Milliarden Franken brachte allein der Handel letztes Jahr ein. Die Gewinne der Stromunternehmen können sich denn auch sehen lassen: Die BKW erwirtschaftete 245 Millionen Franken, die Atel 778 Millionen und die Axpo gar 1,4 Milliarden Franken.

Kommt hinzu, dass die Schweizer Elektrizitätsriesen längst nicht mehr nur hierzulande Strom produzieren. Allein die in Frankreich mitgebauten AKWs bringen uns jährlich rund zehn Milliarden Kilowattstunden. Dazu besitzt neben der BKW auch die zur Axpo gehörende EGL-Gruppe Gaskraftwerke in Italien, mit einer Leistung, die doppelt so gross ist wie jene des AKWs Mühleberg. Die Schweizerische Energie-Stiftung schätzt den aktuellen effektiven Stromüberschuss aus Schweizer Produktion (Schweiz und Ausland) auf rund 20 Milliarden Kilowattstunden, etwa gleich viel, wie zwei AKWs mit der Leistung von Gösgen produzieren können.

Der europäische Stromsee
Ein neues AKW, obschon es im europäischen Markt – wenn auch zu steigenden Preisen – genug Strom gibt? Ein Neubau in der Schweiz ist angesichts der riesigen Strommengen, die international verschoben werden, wenig sinnvoll. Auch wenn sich die Schweiz langfristig nicht selbst versorgen kann, sind wir mit unseren Speicherkraftwerken den umliegenden Ländern alles andere als hilflos ausgeliefert.

Da in der Realität die Kraftwerke ihren Strom in einen riesigen «Stromsee» einspeisen, aus dem ganz Europa versorgt wird, mutet es doch eher komisch an, wenn die Stromwirtschaft für die Schweiz von einer «Stromlücke» spricht. Denn der Hinweis, Schweizer Kraftwerke würden schon bald – je nach Modellrechnung ab dem Jahr 2013 oder erst 2025 – weniger Strom produzieren, als hierzulande verbraucht wird, suggeriert Wohnzimmer ohne Licht. Der internationale Handel und die eigene Stromproduktion im Ausland relativieren nach Ansicht der Atomkritiker diese angebliche Gefahr jedoch deutlich: «Die Stromlücke ist eine unseriöse Angstmacherei der Stromwirtschaft», sagt Jürg Buri, Geschäftsführer der Schweizerischen Energie-Stiftung. «Es gibt keine Stromlücke, sondern diverse Stromlügen.» Will heissen: Wenn die Stromwirtschaft ihr einträgliches Geschäft für die Zukunft absichern will, muss sie neue AKWs bauen. Denn damit benötigt sie weniger ausländischen Überschussstrom, ist also weniger abhängig und kann dank Ausbauten bei den Pumpspeicherkraftwerken noch mehr teuren Strom ins Ausland exportieren.

Anzeige

Ein gutes Geschäft für die Stromhändler
Die Schweiz ist eine Drehscheibe des internationalen Stromhandels. Letztes Jahr erwirtschafteten die hiesigen Elektrizitätsunternehmen damit 1,3 Milliarden Franken.

17-08-Atomkraft06.jpg

Klicken Sie auf die Grafik, um sie vergrössert anzuzeigen

1Saldo Stromfluss, zum Vergleich: Ein durchschnittlicher Haushalt (vier Personen) verbraucht 4000 bis 6000 Kilowattstunden pro Jahr.

Quelle: Bundesamt für Energie; Infografik: Beobachter/dr

Die «Stromlücke» ist übrigens keine neue Erfindung. In ihrem Buch «Strahlende Schweiz» zitiert die «Wochen-Zeitung»-Redaktorin Susan Boos aus einem Dokument, wonach der damalige Bundesrat Roger Bonvin schon 1972 eine «Energiekrise» angedroht habe – für 1977. Im Jahr 1987 malte der Verband Schweizerischer Elektrizitätswerke den Teufel für das Winterhalbjahr 2004/2005 an die Wand: Ohne das Kernkraftwerk Kaiseraugst werde die Lücke 7,2 Milliarden Kilowattstunden betragen. Die aktuellsten Kassandrarufe kommen von der Axpo: Ab 2013 fehle es der Schweiz an Spitzen-, ab 2020 an Bandenergie, die den Grundbedarf abdeckt.

Umweltschützer und Atomkritiker unterstellen den AKW-Betreibern, mit solchen Aussagen Panikmache zu betreiben und damit - und mit den Plänen für die neuen Atommeiler - primär ein Ziel zu verfolgen: die bestehenden fünf Schweizer Atomkraftwerke über die einst errechnete Laufzeit hinaus am Netz zu halten. Läuft ein auf eine Betriebsdauer von 40 Jahren ausgelegtes und entsprechend amortisiertes Kraftwerk nämlich stattdessen 50 Jahre, 60 Jahre oder sogar noch länger, ist das für die Betreiber eine Art Lizenz zum Gelddrucken. Mit jedem zusätzlichen Betriebsjahr würde ein Meiler rund 300 Millionen Euro einbringen, errechnete das Freiburger Öko-Institut.

Anzeige

Deutschland ist der neue Musterknabe
Ein Weiterbetrieb über 40, 50 und noch mehr Jahre lohnt sich offenbar sogar dann, wenn die AKWs immer wieder sicherheitstechnisch aufgerüstet werden müssen. Einzig beim AKW Mühleberg, das seine Risse im Kernmantel schon seit Mitte der neunziger Jahre mit einer aufwendigen Klammerkonstruktion sichern muss, könnten irgendwann neue sicherheitstechnische Auflagen die Frage nach der Wirtschaftlichkeit aufwerfen. So weit scheint es allerdings noch nicht: Die Betreiberfirma BKW strebt eine unbefristete Bewilligung für den bald 40-jährigen Meiler an.

Da solche Investitionen schnellere Profite versprechen als diejenigen in erneuerbare Energien, haben die kühlen Rechner der Stromwirtschaft praktisch unbemerkt Tatsachen geschaffen. Nur gerade knapp 0,2 Prozent der Elektrizität werden heute mit sogenannten neuen erneuerbaren Energien produziert, also mit Sonne, Wind, Biomasse. Die Schweiz ist hier in den vergangenen Jahren massiv ins Hintertreffen geraten. Weitere rund 1,7 Prozent Strom gewinnt man hierzulande aus Abfall und Abwasser. Im Vergleich zu Deutschland, das sich zum europäischen Musterland in Sachen erneuerbare Energien gemausert hat, sind dies klägliche Zahlen. 10,8 Prozent beträgt der Anteil der erneuerbaren Energie bei der Stromproduktion gemäss dem deutschen Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft. Allein der Anteil der Fotovoltaik liegt um den Faktor 14 höher als in der Schweiz.

Das liegt auch an den gesetzlichen Rahmenbedingungen. Deutschland fördert seit dem Jahr 2000 Alternativenergien: Betreiber von fotovoltaischen Anlagen erhalten eine Vergütung von rund 50 Cent (zirka 82 Rappen) pro ins Netz eingespeiste Kilowattstunde. In der Schweiz tritt die «kostendeckende Einspeisevergütung» erst 2009 in Kraft. Solarstrom wird dabei mit bis zu 90 Rappen pro Kilowattstunde gefördert. Das klingt nach mehr, als es ist: Ein Maximalbetrag - der sogenannte Deckel - von 16 Millionen Franken insgesamt sorgt dafür, dass die Fotovoltaikanlagen nicht in den Himmel wachsen.

Anzeige

300'000 Tonnen radioaktiver Müll
Also doch ein neues AKW? Der Atomstrom kommt, gemessen an der gesamten in der Schweiz verbrauchten Energie, auf einen Anteil von gerade mal zehn Prozent. Der ehemalige Chef des Uno-Umweltprogramms Klaus Töpfer äusserte sich im «Spiegel» unmissverständlich: «Selbst wenn es mehrere tausend Kernkraftwerke weltweit gäbe, würden sie kaum mehr als zehn Prozent des weltweiten Energiebedarfs decken. Die übergrosse Menge Energie muss anders hergestellt werden.»

Daneben gibt es ein Problem, das täglich wächst: der atomare Müllberg. Noch ist weltweit kein einziges Endlager für hochradioaktive Abfälle in Betrieb. In Europa ist das erste derartige Tiefenlager zwar in Finnland im Bau, wird aber nicht vor 2020 eröffnet werden. Und es wird bloss Platz für die Abfälle aus den finnischen Atomkraftwerken bieten. Weltweit, so errechnete kürzlich der «Spiegel», lagerten Ende 2007 rund 300'000 Tonnen radioaktive Abfälle, darunter 2000 Tonnen waffenfähiges Plutonium. Für das Jahr 2020 gehen die Fachleute von rund 445'000 Tonnen radioaktivem Material und etwa 3000 Tonnen waffenfähigem Plutonium aus, die entsorgt werden müssen.

Auch in der Schweiz sind die Mengen gewaltig – und die Probleme alles andere als gelöst. Ein künftiges Endlager wird für rund 100'000 Kubikmeter radioaktive Abfälle ausgelegt sein. Dieser Platz reicht jedoch gerade mal aus, um den Müll von 50 Jahren Atomstromproduktion in der Schweiz sowie die bis dahin anfallenden Abfälle aus Medizin, Industrie und Forschung aufzunehmen. Der strahlende Müll von allfälligen künftigen AKWs müsste anderswo entsorgt werden.

Anzeige

Bisher ist jedoch noch nicht einmal entschieden, wo denn ein künftiges Endlager in der Schweiz zu stehen käme. Zwar hat die Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle (Nagra) im Jahr 2005 den sogenannten Entsorgungsnachweis erbracht - fast 30 Jahre nachdem dieser gesetzlich vorgeschrieben worden war. Nun steht fest, dass der Schweizer Atommüll dereinst mehrere hundert Meter unter der Erde in einer Opalinustonschicht vor sich hin strahlen wird. Mögliche Standorte für die Grossbaustelle, die über Jahrzehnte bestehen wird, sind das Zürcher Weinland sowie Gebiete am Jurasüdfuss. Das komplizierte «Sachplanverfahren», mit dem der Standort ermittelt wird, zieht sich jedoch hin. Mit einem Volksentscheid ist nicht vor 2018 zu rechnen. Und selbst Optimisten unter den Nuklearbefürwortern gehen davon aus, dass das Endlager nicht vor 2040 bereitstehen wird.

Wer ist wozu bereit?
Brauchen wir ein neues AKW? Oder gar zwei oder drei? Wahrscheinlich ist die Frage falsch gestellt. Die Überlegungen müssen viel weiter gehen: Ist die Stromwirtschaft bereit, statt auf kurzfristige Profite auf längerfristige Lösungen mit erneuerbaren Energien zu setzen? Sind wir Konsumenten bereit, für energiesparende Geräte und Gebäude (mehr) Geld auszugeben und damit unseren Energiehunger einzuschränken? Oder will die Gesellschaft für die nächsten Generationen auf Atomkraft setzen, ohne das Problem der hochradioaktiven Abfälle gelöst zu haben - und dabei das Risiko von Atomunfällen tragen?

Die Debatte darüber hat eben erst begonnen. Sie verspricht spannend zu werden.

Das Märchen vom sauberen Strom aus Wasserkraft
Wenn keine neuen Atomkraftwerke gebaut werden, würden Stromimporte aus dem Ausland nötig -aus dreckigen ausländischen Kohlekraftwerken und unsicheren Atomanlagen, argumentiert die Stromwirtschaft. Doch schon heute verbrauchen wir solche Energie - massenhaft. Der intensive Stromhandel mit dem Ausland zerstört nämlich ganz nebenbei einen Mythos: dass der meiste Strom in der Schweiz aus Wasserkraft stamme und somit CO2-frei produziert werde. Zwar kommen in der Tat laut Elektrizitätsstatistik 40 Prozent des im Inland produzierten Stroms aus AKWs, 55 Prozent aus Wasserkraftwerken und fünf Prozent aus anderen Kraftwerken.

Anzeige

Aus der Steckdose aber fliesst wegen der Auslandsgeschäfte der Elektrizitätsunternehmen ein ganz anderer Strommix. Eine neue Studie des Bundesamts für Energie (BFE) zeigt, dass im Jahr 2005 rund 21 Prozent des in der Schweiz verbrauchten Stroms von «nicht überprüfbaren Energieträgern» kam: Es dürfe vermutet werden, so das BFE, «dass dieser Strom auf internationalen Börsen eingekauft wurde und mehrheitlich aus fossilen und nuklearen Quellen stammte». Zusammen mit dem Strom, der erwiesenermassen in AKWs oder aus fossilen Energieträgern wie Erdöl oder Erdgas (rund zwei Prozent) erzeugt wird, kommen also fast zwei Drittel der in der Schweiz verbrauchten Elektrizität aus nicht erneuerbaren Quellen. Die «saubere» Wasserkraft bringt es lediglich auf einen Anteil von 34 Prozent.

Je nach Region und Stromanbieter sieht dieser Mix noch mal anders aus. Die Rätia Energie im wasserreichen Graubünden etwa liefert ihren Kunden ausschliesslich Strom von besagten «nicht überprüfbaren Energieträgern». Lediglich wer den zertifizierten Ökostrom «PurePower Graubünden» explizit bestellt (und entsprechend zahlt), wird mit Strom aus einheimischer Wasserkraft bedient.

Produzierter Strom: Zusammensetzung in der Schweiz117-08-Atomkraft07.jpg
Verbrauchter Strom: Zusammensetzung in der Schweiz217-08-Atomkraft08.jpg
1
im Jahr 2007
2im Jahr 2005 (neuere Zahlen nicht vorhanden)
3Abfälle in Verbrennungsanlagen und Deponien
4Sonnen-/Windenergie, Biomasse, Geothermie
5Erdöl, Erdgas, Kohle

Quelle: Bundesamt für Energie; Infografik: Beobachter/dr