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AtomkraftwerkeDie Kosten werden schöngerechnet

Angeblich billiger Atomstrom ist vor allem ein Produkt geschickter Buchhaltung: Tatsächlich könnten die drei in der Schweiz geplanten neuen AKWs deutlich mehr als 20 Milliarden Franken kosten.

von und

Ein Atomkraftwerk zu bauen ist keine Kunst. In weniger als 40 Stunden, so verspricht der staatliche französische Kraftwerkkonzern Areva, lässt sich die neuste Version des europäischen Druckwasserreaktors (EPR) zusammenbasteln. Das Papiermodell im Massstab 1:800, das auf der Areva-Internetseite angeboten wird, umfasst in der einfachen Ausführung 347 Teile auf sechs A4-Blättern.

Der als einfach gepriesene Bau entpuppt sich aber bald als mühsame Kleinarbeit. Das Kühlwasserpumpenbauwerk ist noch simpel. Richtig kompliziert wird es beim Notstromgebäude oder beim Brennelementbecken. Die versprochene Bauzeit, so viel wird nach ein paar Handgriffen klar, wird kaum einzuhalten sein.

Damit ist das AKW-Modell ein exaktes Abbild der Realität: In Finnland, wo Areva derzeit ein AKW baut, wurde beim Fundament schlechter Beton verwendet, es gab Probleme bei der Koordination des ganzen Projekts. Statt wie geplant im kommenden Mai wird das AKW wohl nicht vor 2012 in Betrieb genommen. Statt fünf Milliarden wird es nach neusten Schätzungen 7,5 Milliarden Franken kosten.

In der Schweiz planen zurzeit mit der Atel, der Axpo und der BKW gleich drei Konzerne ein neues AKW. Axpo und BKW haben dazu eine gemeinsame Planungsgesellschaft für neue Meiler in Beznau und Mühleberg gegründet, die Atel reichte Anfang Juni bereits ein Rahmenbewilligungsgesuch für den Standort Gösgen ein. Die Stromkonzerne möchten je ein Atomkraftwerk mit einer Leistung von bis zu 1600 Megawatt bauen, eine Grössenordnung, die in der Schweiz alles Bisherige übersteigt. Heute leistet das grösste AKW in Leibstadt 1165 Megawatt; Mühleberg ist im Vergleich mit 355 Megawatt geradezu ein Mini-Meiler.

Keine Angst um die Finanzierung
Die Kosten für ein neues AKW differieren je nach Schätzung gewaltig. Eine Studie im Auftrag des Bundes skizziert Kosten von 3,2 bis 7,5 Milliarden Franken pro AKW. Auf die Frage, wie sie die immensen Investitionen finanzieren, liefern die Konzerne austauschbare Antworten: Das neue AKW werde «von denjenigen bezahlt, die es planen und bauen», erklärte Atel-Chef Giovanni Leonardi bei der Projektpräsentation. Für die BKW sagt Sprecher Antonio Sommavilla: «Derartige Anlagen werden immer mit Partnern realisiert.» Axpo-Chef Heinz Karrer sagt: «Die Signale der Banken sind sehr positiv». Für eine Rahmenbewilligung müssen die Betreiber dem Bund nicht einmal einen Finanzierungsnachweis erbringen.

Fachleute nehmen an, dass sich drei neue AKWs in der Schweiz relativ problemlos finanzieren lassen. Denn in den Bonitätsanalysen der Banken erhalten Atel, Axpo und BKW sehr gute Noten. Im Rating der Credit Suisse (CS) etwa wird die Atel als «sicherer» Schuldner aufgeführt («hohes A»), die Axpo und die BKW sogar als «sehr sicherere» Schuldner («tiefes AA»). Kein Wunder: Atel und BKW verfügen gemäss ihren Jahresberichten über ein Eigenkapital von je rund drei Milliarden Franken, die Axpo gar über 7,2 Milliarden.

Trotzdem werden die Stromkonzerne für ein Grosskraftwerk am Kapitalmarkt Geld beschaffen müssen. Man kann davon ausgehen, dass dazu jeweils mehrere Banken ein Konsortium bilden und Anleihen am Kapitalmarkt platzieren werden. «Keine Bank würde die Finanzierung alleine übernehmen», sagt ein Fachmann. In ihrem jährlichen «Kredithandbuch Schweizer Elektrizitätsversorger» schätzt die Credit Suisse die Chancen der Stromunternehmen, auf diesem Weg zu Geld zu kommen, als sehr gut ein: «Dank ihrer oftmals ausgeprägten Staatsnähe sind Anleihen dieses Sektors sehr beliebt und gesucht.» Als Investoren kommen etwa Pensionskassen, Versicherungen oder Fonds in Frage.

Für die Stromkonzerne birgt die Geldbeschaffung aber vielleicht auch Probleme: Je höher die Bonität, desto günstiger kommt ein Unternehmen auf dem Kapitalmarkt zu fremdem Geld. Würden sich aber Atel, Axpo und BKW übermässig verschulden, könnte ihre Bonität darunter leiden, was wiederum das Fremdkapital verteuern würde. «Die Bonität eines Unternehmens spielt bei der Geldbeschaffung eine entscheidende Rolle», sagt Analyst Michael Gähler von der Credit Suisse.

Der Trick mit der BetriebsdauerDie CS beobachtet in den letzten zehn Jahren eine «kontinuierliche Entschuldung» der Schweizer Elektrizitätswirtschaft. Die gesamten Schulden sind von 16 Milliarden Franken (Ende 1997) auf 6,7 Milliarden (Ende September 2007) gesunken. Denn vor zehn Jahren hatte die CS Alarm geschlagen: Sie machte bei einigen stark verschuldeten Kraftwerken 5,3 Milliarden «stranded investments» (nicht amortisierbare Investitionen) aus. Rund die Hälfte dieser Fehlinvestitionen entfiel auf das AKW Leibstadt - wo der immer wieder als kostengünstig gepriesene Atomstrom übermässig teuer war. 1990 kostete die Produktion einer Kilowattstunde Strom im grössten Schweizer Atommeiler satte zehn Rappen, 1996 immerhin noch 8,4, 2007 jedoch bloss noch 4,72 Rappen. Zum Vergleich: Strom aus Kohle- oder Gaskraftwerken wird ebenfalls für vier bis fünf Rappen produziert, dieser wird sich aber künftig wegen des CO2-Ausstosses verteuern.

Hinter der wundersamen Wandlung vom Hochpreis-Atomstrom zum durchschnittlich teuren Strom steckt ein simpler buchhalterischer Trick: Im Jahr 2000 wurde die auf 30 Jahre ausgelegte Betriebs- und somit auch Abschreibungsdauer des AKWs Leibstadt auf 40 Jahre angehoben. Mittlerweile will die Energiewirtschaft Leibstadt 60 Jahre am Netz lassen. Je länger die Abschreibungsdauer, desto tiefer die Produktionskosten pro Kilowattstunde - so einfach ist Betriebswirtschaft.

Ähnlich in Mühleberg: 1996 wurde der Preis pro Kilowattstunde Strom mit acht Rappen angegeben, später hiess es, ab 2002 könne man für 5 bis 5,5 Rappen produzieren. Offenbar war die Einschätzung etwas optimistisch. Heute beträgt der Gestehungspreis gemäss BKW-Sprecher Sommavilla trotz bald 40 Betriebsjahren immer noch sechs bis sieben Rappen.

Billig gebaut, teuer nachgerüstet
Mühleberg, von Atomkritikern hartnäckig als «Schrottreaktor» bezeichnet, wurde einst für 350 Millionen Franken gebaut. Doch bereits in den achtziger und neunziger Jahren musste die BKW in aufwendige sicherheitstechnische Nachrüstungen investieren, wie etwa ein Steuerungssystem für den Notfall oder riesige Klammerkonstruktionen wegen der Risse im Kernmantel. Die Nachrüstungen belaufen sich inzwischen auf «mehrere hundert Millionen Franken», wie Sommavilla bestätigt. Genaue Zahlen will man nicht bekanntgeben. Wie sehr Nachrüstungen ins gute Tuch gehen können, zeigt auch das Beispiel Beznau: Der Bau der beiden Reaktorblöcke kostete ursprünglich rund 750 Millionen Franken. Seither musste die Betreiberin Axpo das AKW für rund 1,5 Milliarden sicherheitstechnisch nachrüsten. Dazu kommen laut Axpo-Sprecher Hansjörg Schnetzer noch «ein paar hundert Millionen» für «Lehren aus Vorfällen in anderen Kernkraftwerken». Konkret: Allein ins AKW Beznau wurden bisher gegen zwei Milliarden Franken investiert.

Bevor überhaupt klar ist, ob und zu welchem Preis neue AKWs gebaut werden, sind schon erste Kostenschätzungen für deren spätere Nachrüstung im Umlauf. Zwei Milliarden Franken dürften es nach einer Studie im Auftrag des Bundesamts für Energie dereinst sein – pro AKW. Wie im Modell ist auch in der Realität der Bau eines Atomkraftwerks ein Abenteuer.

Veröffentlicht am 02. September 2008