Es ist, als würde sich jetzt ein Kreis schliessen. Gelbe Fahnen, auf denen «Atomkraft nein danke» steht, ältere Menschen, Familien mit Kindern, selbstgedruckte T-Shirts, Windräder. So ähnlich sah es 1975 aus, als Jürg Aerni bei der Besetzung von Kaiseraugst dabei war, so erinnert man die Kundgebung zum ersten Jahrestag von Tschernobyl im Jahr 1987. Jürg Aerni steht in der Menge, unter dem Arm einen Stapel des Vereinsblatts «Fokus Anti-Atom». Gelegentlich erkennt ihn jemand, drückt ihm die Hand. Wäre Jürg Aerni kein so zurückhaltender Mensch, er würde wohl strahlen. So lächelt er bloss und sagt: «Ja, es hat sich schon etwas bewegt in den vergangenen Tagen.»

Mühleberg, Sonntag, 11. März 2012, der erste Jahrestag der Atomkatastrophe von Fukushima. Von den Organisatorinnen und Organisatoren als Gedenk- und Protestkundgebung geplant, vom Bundesverwaltungsgericht wohl eher unabsichtlich in ein Freudenfest für AKW-Gegnerinnen und -Gegner umfunktioniert. Denn vier Tage vor der Kundgebung befristete das Gericht die Betriebsbewilligung für das AKW Mühleberg bis zum 28. Juni 2013. Kann die Mühleberg-Betreiberin BKW bis dahin kein umfassendes Instandhaltungskonzept präsentieren, muss das zweitälteste AKW der Schweiz abgestellt werden.

Während Aerni auf dem Platz diskutiert, steht Joss auf der Bühne und atmet erst einmal durch: «Äh – Wahnsinn, was da passiert», ruft er in die Menge, und plötzlich sprudelt die ganze Rede, die er eigentlich auf Hochdeutsch vortragen wollte, auf Berndeutsch aus ihm heraus. «Ich chönnt dr ganz Tag juble. Mir si so nach dranne, das Chraftwärch da hinger üs abzschteue!»

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Das AKW Mühleberg abstellen, abschalten, stilllegen, vom Netz nehmen. Aerni und Joss arbeiten seit über 20 Jahren gemeinsam auf diesen Moment hin. «Schrottreaktor» nennen sie das 1972 in Betrieb genommene Werk, oder auch einfach «Chlapf». Auf Deutsch: Kiste.

Jürg Aerni gehört zu jenen 113 Anwohnerinnen und Anwohnern, die das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts erstritten haben. Er wohnt in der «Zone 2», mitten in der Stadt Bern. Ein grosser Unfall in Mühleberg würde ihn direkt betreffen. Joss hingegen konnte als Bewohner der weiter entfernten «Zone 3» nicht klagen. Gemeinsam lieferten die beiden die Fakten und Hintergründe für die Klage. Sie seien der «technische Ausschuss» des Vereins Fokus Anti-Atom, sagt Joss. Seit knapp zwei Jahren ist mit dem Informatikingenieur Markus Kühni ein drittes Mitglied in diesem Ausschuss dabei.

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Von Tschernobyl wachgerüttelt

Jürg Aerni, Jahrgang 1950, diplomierter Physiker, sagt von sich selber, er sei «immer schon eher links unterwegs gewesen». Vietnamkrieg, Frauenstimmrecht, Technologiekritik – «wir trafen uns in kleinen Gruppen und diskutierten alles Mögliche.» Der Widerstand gegen das geplante AKW Kaiseraugst war der Einstieg in Aernis Kampf gegen die Atomkraft, «aber richtig begann ich mich erst nach Tschernobyl zu engagieren».

Aerni half, «AMüs» zu gründen, die «Aktion Mühleberg stilllegen», anfänglich eine bunt zusammengewürfelte Organisation. Man protestierte mal mit Liedern, mal mit einem Sitzstreik vor dem Hauptsitz der Betreiberfirma BKW. Und man recherchierte – hauptsächlich Aerni recherchierte. Und er fand Zahlen und Fakten, die ihm zu denken gaben. Über die «Filterpanne» etwa, bei der wegen defekter Abluftfilter Radioaktivität aus dem Werk austrat. Oder über die Risse im Kernmantel, die 1990 zum ersten Mal registriert wurden.

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Jürg Joss, Jahrgang 1964, war nicht von Anfang an bei ­AMüs dabei. «Als Jürg Aerni wegen Tschernobyl demonstrierte, kontrollierte ich im AKW Leibstadt noch mess- und regulierungstechnische Anlagen», sagt er. Automationsspezialist Joss war zweimal bei einer Revision in Leibstadt dabei. Den persön-lichen «Strahlenpass», der über seine Strahlendosis Auskunft gibt, trägt er immer noch mit sich herum.

Ein Buch über Tschernobyl, erstanden in einem Buchladen in Tibet, brachte sein Weltbild ins Wanken. «Ich wurde zum AKW-Gegner.» 1990 trat Joss AMüs bei. Es war der Beginn eines bis heute dauernden Teamworks.

«Da hatte ich zum ersten Mal richtig Angst vor dem AKW»

Auf der einen Seite: der Physiker Aerni, der vorausberechnet, wie stark sich die Risse im Kernmantel in Mühleberg laut Prognosen der AKW-Betreiber verändern sollten. Auf der anderen Seite: Jürg Joss, der sich im Selbststudium und aus eigener Erfahrung in den Anlagen der Schweizer AKWs – und besonders in Mühleberg – kundig gemacht hat. Der nächtelang am Computer sitzt, um Details zu recherchieren, und der sich über die Jahre ein riesiges Netzwerk von AKW-Kritikern in ganz Europa aufbaut. Es ist ein ungleiches Paar, aber eines, das sich über die Jahre ein riesiges Fachwissen erarbeitet hat. «Niemand kann ein AKW ganz kennen», sagt Joss zwar, aber zu zweit kommen sie dem Ideal des umfassenden Wissens über Atomkraft schon ein gutes Stück näher. Weiss Aerni auf eine technische Frage einmal keine Antwort, wird sie Joss schon irgendwo in seinem Laptop finden. Dasselbe gilt für Aerni: Irgendeine Studie, die über ein Problem verfasst wurde, zaubert er fast immer hervor.

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«Fundamentalopposition» nennt Antonio Sommavilla das, was Aerni und Joss betreiben. Der Mediensprecher der Firma BKW, der das AKW Mühleberg gehört, hat immer wieder zusätzliche, «manchmal durchaus herausfordernde» Arbeit wegen der beiden. Man kennt sich von Informationsanlässen des Energiekonzerns, an denen die beiden Aktivisten die BKW-Bosse immer wieder mit kritischen Fragen bedrängen, man grüsst sich und spricht miteinander. «Aber letztlich haben wir völlig unterschiedliche Auffassungen davon, ob Mühleberg sicher ist», sagt Sommavilla. «Denn wenn das Werk nicht sicher wäre, hätten wir es schon längst vom Netz genommen.» Genau das bezweifeln Aerni und Joss seit Jahren.

Es waren bisweilen einsame Jahre. Die Proteste nach Tschernobyl verpufften nach einiger Zeit. Eine unabhängige Studie des Öko-Instituts Darmstadt zur Sicherheit von Mühleberg, die Aerni und Joss 1990 initiiert hatten, zeigte immerhin kurzzeitig Wirkung: 1992 stimmten die Bernerinnen und Berner in einer Konsultativabstimmung gegen eine Verlängerung der Betriebsbewilligung für das AKW Mühleberg, aber es war ein Pyrrhussieg – der Bundesrat gewährte dem Werk die neue Bewilligung trotzdem. Danach folgte Niederlage auf Niederlage: Die kantonale Volksinitiative «Bern ohne Atom» im Jahr 2000 – verloren. Die eidgenössische Atom-Ausstiegs-Initiative im Jahr 2003 – ebenfalls. Atomkraft war in der Schweiz salonfähig geworden. Die Umweltorganisationen kämpften bloss halbherzig gegen die neuen AKWs, die die Stromkonzerne ins Auge fassten. Für die bestehenden AKWs interessierte sich kaum jemand mehr. 2003 lösten Aerni, Joss und ihre verbliebenen Mitstreiter AMüs ganz unspektakulär auf.

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Fokus Anti-Atom, die Nachfolgeorganisation, die sie kurz darauf gründeten, trat vorerst kaum öffentlich in Erscheinung, aber Aerni und Joss blieben aktiv. «Aufgeben kam nicht in Frage», sagt Joss, «Mühleberg war ja weiterhin eine Gefahr.» Sie sammelten Material und recherchierten. Erst 2008 trat Fokus Anti-Atom in die Öffentlichkeit – mit einem Coup: Jürg Aerni hatte sich die verfügbaren Informationen zu den Rissen im Kernmantel in Mühleberg genauer angeschaut und dabei festgestellt, dass diese deutlich schneller gewachsen waren, als von der BKW und der Aufsichtsbehörde vorausgesagt. «Da hatte ich zum ersten Mal richtig Angst vor diesem AKW – und vor den Atomüberwachern», sagt Aerni. Sie gingen mit ihren ­Resultaten an die Öffentlichkeit, und die Informationen verfehlten ihre Wirkung nicht. «Mühleberg» wurde wieder zum Thema, umso mehr, als die BKW am selben Standort ein Ersatzkraftwerk zu planen begann.

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Mittlerweile als Experten anerkannt und gefragt

Und als in Fukushima die Atomkatastrophe ihren Lauf nahm, waren Aerni, Joss und ihr Mitstreiter Markus Kühni die Experten der Stunde. Fokus Anti-Atom warnte schon kurz nach der Reaktorkatastrophe im AKW Fukushima davor, dass bei ex-tremem Hochwasser in der Aare die Kühlung des – typähnlichen – AKWs Mühleberg verstopfen könnte. Das Fachwissen bringt neue Erfahrungen mit sich: Macht Atomkraft Schlagzeilen, rufen mittlerweile Journalisten aus der ganzen Schweiz an, um von Joss oder Aerni eine Einschätzung zu erhalten. Als mittlerweile anerkannter Experte stand Joss zwei Tage nach dem Entscheid des Bundesverwaltungsgerichts auch in der «Arena» und diskutierte mit Nationalräten und Parteipräsidenten.

In den Nächten vor der «Menschenstrom»-Demonstration schrieben Aerni und Joss gemeinsam eine aktuelle Fassung des Mitteilungsblatts von Fokus Anti-Atom: «Unser eigentliches Ziel, die sofortige Abschaltung des AKWs, ist durch den Gerichtsentscheid nicht erreicht», schrieben sie: «Wir führen den Kampf gegen das Risiko Mühleberg weiter.»

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