Wettingen, Hardstrasse 73, Hauptsitz der Nationalen Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle, der Nagra. Markus Fritschi, Leiter des Bereichs Lagerprojekte, ist ein gefragter Mann in diesen Tagen: Seit die Manager von Elektrizitätsgesellschaften nur noch über das «Wann» und nicht mehr über das «Ob» eines neuen Kernkraftwerks diskutieren, ist auch Benken wieder ein Thema. In der 750-Seelen-Gemeinde im Zürcher Weinland führte die Nagra Ende der neunziger Jahre Probebohrungen durch. Das Ziel: die 180 Millionen Jahre alte Schicht Opalinuston darauf zu untersuchen, ob sie sich als Endlager für hoch radioaktive Abfälle eignet. Und nach 34 Jahre dauernden Forschungsarbeiten und einigen empfindlichen Rückschlägen konnte die Nagra damit einen Erfolg verbuchen: Der Bundesrat erklärte im Juni 2006 per Verfügung, der seit 29 Jahren gesetzlich vorgeschriebene «Entsorgungsnachweis» sei erbracht.

Die konservierte Urzeitschnecke
Eigentlich möchte Fritschi deshalb mit der aktuellen Debatte nichts mehr zu tun haben: «Seit diesem Bundesratsentscheid sind die Diskussionen über ein neues Kernkraftwerk und die Frage des Endlagers juristisch entkoppelt», sagt er. «Aber es ist ein uraltes Phänomen, dass die Gegner auf die Entsorgung einprügeln, obschon sie eigentlich die Kernenergie meinen.»

Fritschi, von Haus aus Physiker, lässt keinen Zweifel an seiner Überzeugung, dass die Lösung gefunden ist. Und er versucht mit wohldosierter Leidenschaft, Skeptiker zu überzeugen. Auf seinem Laptop sind unzählige Fakten gespeichert: Karten von möglichen Standorten («Das Weinland ist nur eine von mehreren Möglichkeiten»), geologische Darstellungen, Fotos von einer versteinerten Schnecke, die im Opalinuston über Jahrmillionen unbeschadet konserviert wurde. Alles publikumswirksam aufbereitet, alles mit einer zentralen Aussage: Ein Endlager ist in der Schweiz realisierbar, der Opalinuston ideal dafür. Wäre da bloss nicht die Politik. Auf Geheiss des Bundesrats und gegen ihren Willen muss die Nagra noch einen anderen Standort vorschlagen, statt die Bagger auffahren zu lassen. «Aber denken Sie jetzt nicht, ich sei frustriert», kommt Fritschi der nächsten Frage gleich zuvor: «So ist das halt in einer pluralistischen Gesellschaft.»

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Die Folgen sind nicht auszudenken
Einer der Repräsentanten dieses Pluralismus ist Jürg Buri. Er ist über die Verzögerungen alles andere als unglücklich. Im Büro des Geschäftsführers der Schweizerischen Energiestiftung (SES) hängen Plakate mit Fotos von kleinen Kindern: «Dieser Grossvater will keine Angst vor Atomkraftwerken haben», steht auf einem. Zwar räumt selbst Atomkritiker Buri ein, dass ein Lager im Opalinuston in der Schweiz «aus geologischer Sicht wohl die beste Variante» wäre. «Aber wer weiss, was in 500 oder 5000 Jahren in Benken sein wird?» Ein Lager zu bauen, das eine Million Jahre halten muss, bis die darin gelagerten Stoffe für Mensch und Umwelt unschädlich sind - das, sagt Buri, «übersteigt unser Denkvermögen bei weitem». Vielleicht herrsche Krieg, und eine Partei habe ein lebhaftes Interesse daran, den radioaktiven Abfall aus den Kavernen an die Oberfläche zu holen. Oder die Fässer, in denen der Atommüll eingeschweisst ist, leckten plötzlich. Oder, oder, oder. Klar ist für Buri eigentlich nur eines: «Dieses Gift wird uns die nächste Million Jahre begleiten.»

Für Jürg Buri hängen der Bau eines neuen Kernkraftwerks und die Frage nach der sicheren Entsorgung untrennbar zusammen. «Atommüll ist das politische Pfand in der Hand der Gegner», gibt er unumwunden zu. Ein Pfand, das er so lange behalten möchte, «bis der Ausstieg aus dieser veralteten Technologie besiegelt ist».

«Für uns ist ein Endlager kein Pfand, sondern eine drohende Realität», sagt hingegen Jean-Jacques Fasnacht, Arzt aus Benken. «Und wir werden uns wehren.» «Wir», das ist der Verein «Klar Schweiz», den Fasnacht - damals noch unter dem Namen «Be(de)nken» - gründete, kaum waren Mitte der neunziger Jahre die Pläne der Nagra für eine Probebohrung im Weinland ruchbar geworden. Der Widerstand sei gross in der Gegend, versichert Fasnacht. Zu einem anderen Schluss kommt eine sozioökonomische Studie, angeregt von der eher Nagra-freundlichen «Arbeitsgruppe Opalinus», in der sich die Gemeindepräsidenten der Region zusammengeschlossen haben: 63 Prozent der Weinländerinnen und Weinländer würden einem Endlager zustimmen, heisst es dort, allerdings ein Grossteil mit einem «unguten Gefühl».

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Das Gewissen der Region
Fasnacht bestreitet diese Aussage: «Die Resultate sind sehr Nagra-lastig», kritisiert er. Tatsächlich lassen sich die Ergebnisse der Studie auch anders lesen: Zählt man Befürworter und Gegner zusammen, die ein «ungutes Gefühl» angaben, und addiert man diejenigen Weinländer, die aktiven Widerstand ankündigten, kommt man auf stolze 82 Prozent Endlager-Skeptiker. Dass er sich zu den Letztgenannten zählt, darüber lässt Fasnacht keine Zweifel. Er habe «schon in Kaiseraugst gegen Atomkraft demonstriert», sagt der 56-Jährige. Später, während des Studiums in Bern, protestierte er gegen Mühleberg «und jetzt halt hier». Natürlich könne man ihm vorwerfen, nach dem Sankt-Florians-Prinzip zu handeln. «Aber wir spielen nicht bloss Opposition, wir sind auch das ökologische Gewissen der Region.» Stolz weist er auf ein Windrad hin, das «Klar Schweiz» mitinitiiert hat, noch stolzer auf Sohn Luca, der als Vertreter der Grünen für den Zürcher Kantonsrat kandidiert und dazu quasi als Programm Anfang März seine Idee eines «energieautarken Weinlands» präsentierte: «Das ist die Zukunft.»

Jetzt befürchtet Fasnacht allerdings, dass der aktuelle Kampf ein aussichtsloser sein wird, dass allen gegenteiligen Beteuerungen zum Trotz der Standortentscheid für Benken längst gefallen ist: «Die Nagra hat doch ein fixfertiges Projekt in der Schublade. Die sagten schon vor zwei Jahren, Benken wäre der beste Ort dafür.»

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Volksentscheid frühestens 2018
Entscheiden, wo die ausgedienten Brennelemente schliesslich gelagert werden, bis sie in einer Million Jahren nicht mehr gefährlich sind, wird jedoch nicht die Nagra, sondern letztlich wohl das Stimmvolk. Bis dahin läuft ein mehrstufiges, kompliziertes «Sachplanverfahren», mit dem der Standort ermittelt werden soll. Andere Orte mit opalinustonhaltigem Untergrund, etwa im aargauischen Riniken oder am Jurasüdfuss, sind ebenfalls im Gespräch. Selbst die Hintertür, den Atommüll ins Ausland zu verfrachten, steht gemäss Kernenergiegesetz noch offen.

Ein Volksentscheid dürfte nicht vor dem Jahr 2018 fallen. Bis dahin stehen die vorerst 26 Behälter mit ausgedienten, immer noch hoch radioaktiven Brennelementen aus Schweizer AKWs im Zwischenlager in Würenlingen. Wenn - etwa im Jahr 2040 - das Endlager tatsächlich in Betrieb genommen wird, werden sie gerade knapp kühl genug sein, dass man sie dort entsorgen kann.

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