Was hat eine Kirchgemeinde mit der Polizei oder grossen Firmen wie Microsoft gemein? Eigentlich nichts. Es sei denn, sie lässt im Gotteshaus eine Videoüberwachungsanlage anbringen – und wird deswegen für den «Big Brother Award 2002» nominiert. Genau das ist der Schwyzer Gemeinde Wollerau widerfahren. Nur dass diese Nominierung keiner Ehrung, sondern vielmehr einem Rüffel gleichkommt: Denn die Swiss Internet User Group und das Archiv Schnüffelstaat Schweiz küren Behörden, Firmen oder Einzelpersonen, die es mit dem Datenschutz nicht so genau nehmen.

Alles begann am Pfingstmontag. Die katholische Dorfkirche war Ziel eines Vandalenakts geworden. Als dann wenig später auch noch drei Statuen am Hochaltar beschädigt und ein Kreuz sowie der Deckel des Weihwasserfasses entwendet worden waren, sah sich der Kirchenrat zum Handeln gezwungen. «Wir möchten, dass die Kirche auch ausserhalb der Gottesdienste geöffnet bleibt», sagt Albert Bodmer, Präsident der Kirchgemeinde Wollerau. «Das Problem ist, dass die Versicherung Entwendungen aus einer offenen Kirche nicht bezahlt.» Zwar habe die Versicherung eine Police vorgeschlagen, die solche Diebstähle abgedeckt hätte. Diese wäre die Kirchgemeinde aber teuer zu stehen gekommen. Der Kirchenrat suchte nach Alternativen.

Auf die Idee mit der Videokamera kam Albert Bodmer während eines Aufenthalts in England. «Mir ist aufgefallen, dass dort die meisten Kirchen mit Kameras überwacht werden.» Bodmer schlug den Ratsmitgliedern vor, diese Massnahme für die eigene Kirche zu prüfen. Nach reiflichem Abwägen von Risiko und Nutzen entschied sich der Kirchenrat schliesslich dafür. Auch die Kirchgänger hatten nichts gegen eine Überwachung einzuwenden. «Die Leute nahmen das gern in Kauf, um jederzeit in die Kirche gehen zu können», sagt Albert Bodmer. Zudem bleibe die Kamera während der Gottesdienste ausgeschaltet. Bodmer weiss nicht, wer seine Kirchgemeinde für den «Big Brother Award» gemeldet hat. Allerdings bereitet ihm die Nominierung auch nicht wirklich Kopfzerbrechen: «Es gibt doch kaum mehr ein Geschäft, in dem keine Videokameras angebracht sind.»

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Mittlerweile hat die Preisverleihung stattgefunden: Gewonnen hat ein anderer Kandidat. Und auch der Kirchenschänder konnte gefasst werden – dank einer DNA-Analyse. Er hatte achtlos einen Joint ins Weihwasserbecken geworfen.