Mit einem so ausgefallenen Konstrukt für den Unterschlupf einer Grossfamilie hat sich Bauingenieur Hanspeter Niggli aus Gossau noch nie herumgeschlagen. Standort, Grundriss und Ausstattung des Refugiums sprengen jede Norm: Der Zugang zu den einzelnen Behausungen ist 150 Zentimeter lang und fünf Zentimeter breit. Ein 20 Zentimeter hoher Gang führt in den darüber liegenden Raum. Hier ist die Decke speziell aufgeraut, damit sich die zahllosen Zuzüger aus der Familie der Glattnasen bequem installieren können: kopfüber an die Oberseite gekrallt, wie es bei Fledermäusen üblich ist.

Die 148 massgeschneiderten Objekte an der Unterseite der Betonleitwände der neuen Aatalbrücke Neuhaus am oberen Ende des Zürichsees sind jetzt bezugsbereit und verfügen über unüblichen Komfort: Die Brücke ist erdbebensicher gebaut und mit einem Glatteiswarnsystem ausgerüstet. Die Anflugschneise entspricht den Gepflogenheiten der nachtaktiven Säuger, und das Nahrungsangebot in der Linthebene lässt nichts zu wünschen übrig.

Und doch: Ob den Fledermäusen die neu erstellten Quartiere behagen, ist noch ungewiss, wie Experte René Güttinger aus Wattwil erklärt. Als «Fledermausbeauftragter» des Kantons St. Gallen ist er vom kantonalen Amt für Raumentwicklung beim Bau der neuen Brücke mit dem Konzept für den Unterschlupf betraut worden. Die Zeichen stünden aber gut, meint er: Bereits in den neunziger Jahren stiessen Experten bei der Sanierung einer Autobahnbrücke auf Spalten, in denen Fledermäuse gehaust hatten. Das Quartier wurde rekonstruiert – und die Handflügler kehrten prompt zurück. Denn unter Fledermäusen herrscht «Wohnungsnot»: Eingriffe in die Land- und Forstwirtschaft oder unachtsame Renovationen von Gebäuden machen den 30 geschützten Arten in der Schweiz das Leben schwer.

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Bei der Planung der Massenabsteige richtete Güttinger sein Augenmerk auf den Grossen Abendsegler, einen Herrn der Lüfte mit einer Fluggeschwindigkeit von 50 Kilometern pro Stunde, und auf die Zwergfledermaus, einen Winzling von drei bis acht Gramm. Und der Hohlkasten der Brücke mit zusätzlichen Einflugöffnungen ist für das Grosse Mausohr vorgesehen.

Hanspeter Niggli musste sich zuerst intensiv mit den unbekannten Wesen auseinander setzen und staunte nicht schlecht: «Die sind ja teils nur daumengross.» Gespannt wartet auch er auf den Einzug der neuen Bewohner und rätselt, ob ihnen die 40-Tönner, die über ihre Krallen donnern, nicht den Tagschlaf rauben.