Schon von weitem sind die Gischtfontänen zu sehen. 600 Kubikmeter Wasser stürzen in den Sommermonaten pro Sekunde mit viel Getöse den Rheinfall bei Schaffhausen hinunter; 25 Meter Höhenunterschied bewältigen die Massen. Zwischen eineinhalb und zwei Millionen Besucherinnen und Besucher pilgern jährlich zum Wasserspektakel.

Mittlerweile schäumt hier nicht nur das tosende Nass. Hans Gatti, Einwohnerrat von Neuhausen SH, fürchtet die «Verhunzung» des Rheinfalls, und Ruedi Schneider, Geschäftsführer des Rheinaubundes, wehrt sich vorsorglich gegen eine «provokative Veränderung des Naturwunders». Ihn ärgert, dass der Wasserfall als Kulisse für ein Prestigeobjekt missbraucht werden soll.

Ausgelöst hat das heftige Brodeln am Rheinknick der Verpackungskonzern SIG. Sein Holdingsitz liegt schräg oberhalb des Wasserfalls. Da 2003 das 150-jährige Firmenbestehen gefeiert wird, heckten die Marketingleute einen millionenteuren Werbegag aus: Der Landschaftskünstler Richard Tisserand soll während zehn Monaten den grossen Rheinfallfelsen mit einer 28 Meter hohen, viereckigen Wasserskulptur verhüllen. Dazu würde ein rechteckiges Gerüst im Felsen verankert, über dessen Flanken hochgepumptes Wasser als nasser Vorhang fliesst. Der Öffentlichkeit verkauft die SIG das Ganze als edlen Beitrag zum Uno-Jahr des Wassers. Name: «Magic Pack».

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Das Vorhaben ist Wasser auf die Mühlen der Tourismusbranche – sie erhofft sich mehr Besucher am Rheinfall und eine längere Verweildauer. Doch hat sie die Rechnung ohne die Natur- und Landschaftsschützer gemacht. Gemeinsam verweisen Rheinaubund, WWF, Pro Natura, VCS und der Heimatschutz auf das Bundesinventar der Landschaften und Naturdenkmäler von europäischer Bedeutung. Dort wird für den Rheinfall «in besonderem Masse die ungeschmälerte Erhaltung» verlangt.

Auch wenn bis dahin noch viel Wasser den Rhein hinabfliessen dürfte: Vorsorglich sind bereits Einsprachen bis vors Bundesgericht angekündigt. Denn Rheinaubund-Vertreter Schneider fürchtet weitere Begehrlichkeiten: «Da könnte ja auch eine Firma wie Coca-Cola den Felsen verhüllen, beispielsweise mit einer Cola-Büchse.»

Gegenwärtig laufen die Vorabklärungen zum «Magic Pack» bei den Kantonen und bei der Eidgenössischen Natur- und Heimatschutzkommission. Dem Projekt werden wenig Chancen zugebilligt. Fällt ihr PR-Gag ins Wasser, müssen sich die SIG-Werber zum Jubiläum wohl etwas Neues ausdenken.

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