«Aarberg BE – 2.-Liga-Schiri Osvaldo Henriques zeigte einem Spieler noch die rote Karte, als dieser schon bewusstlos au der Trage lag! Aarbergs Stürmer Leu ging k.o., weil der (schuldlos) mit Oltens Goali Zährli zusammengeprallt war. Leu wurde ins Spital eingeliefert (mit Hirnerschütterung), konnte aber Tags darauf entlassen werden. A.S.» (Blick, 9.11.01)

Weit hinten in den eigenen Reihen startet der Angriff. Der Ball segelt hoch und lang über den Fussballplatz – in die Pflicht jener Kollegen, die daraus etwas Zählbares machen müssen. Eine solche Vorlage freut jeden, der mit dem Torriecher gesegnet ist. Zu diesen Begnadeten gehört auch Michael Leu (Bild), Schlüsselspieler beim Berner 2.-Liga-Verein FC Aarberg. Er rennt los. Vom Jubel trennen ihn nur noch 30 Meter Rasen und ein einsamer Torhüter aus Olten. Mit dem Fuss will er den in seinem Rücken anfliegenden Ball stoppen; das Bein geht nach vorn, der Blick nach hinten.

25 Meter vor dem Tor passierts. Ohrenzeugen berichten von einem dumpfen Knall und einem heulenden Torwart. Dann nichts mehr. «Bei mir war Sendepause», sagt Leu später trocken. Bewusstlos liegt er auf dem Platz – hinter dem Ohr schwillt eine Riesenbeule. Alle warten auf die Ambulanz aus dem örtlichen Spital.

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Oltens Goalie Christian Zährl hält sich den Fuss. Der lange Pass hatte seinen Instinkt geweckt. Zielsicher war er aus seinem Revier gerannt, um die Gefahr wegzuschlagen. Da kennt er nichts. «Wenn ich auf den Ball gehe, rufe ich laut – damit alle den Kopf einziehen können.» Das Pech seines Gegners: Er hat nichts gehört und nichts gesehen. Leus Stollen stanzen sich in Zährls Rist – dessen Oberkörper rammt Leus Kopf. Dem einen splittert ein Stück Fussknochen weg, dem anderen wird das Hirn erschüttert. Die Klubchefs sind sich einig: ein normales Duell. Mit Opfern, aber ohne Täter.

Auf der Bahre ist Michael Leu zehn Minuten später noch immer ohne Besinnung. Er merkt nicht, wie ihn Sanitäter und Kameraden vom Rasen tragen. Hört nicht, dass der Linienrichter mehrmals «Rot!» ruft. Und er sieht auch Schiedsrichter Osvaldo Henriques nicht, der in die Uniformtasche greift. Die rote Karte trifft den Ohnmächtigen Zentimeter vor dem Spielfeldrand. Aarberg schlägt Olten 1:0. All dies erzählen ihm die Eltern später im Spital.

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Der Schiedsrichter ist allein mit seiner Version des Vorfalls. Im Spielbericht vermerkt er ein «sehr grobes Foul». Und behauptet später, der Stürmer habe ohne Chance auf den Ball den Torwart angefallen. Diese Version scheint den Spielern der Amateurliga wenig glaubwürdig. Sie entlasten Michael Leu. Trotzdem muss er zwei Spiele lang zuschauen. Rot ist Rot – Fussballregeln kennen kein Pardon.