Davos. Die Davoser Behörden haben eine Bewilligung für eine Demonstration gegen das World Economic Forum (WEF) erteilt – an eine einzige Person. Der 79-jährige Edouard Wahl, Gemeinderat von Brissago, kann am Samstag zwischen 13 und 16.30 Uhr in Davos gegen das WEF demonstrieren, das gleichzeitig in New York stattfindet. Wahl darf von Davos-Dorf nach Davos-Platz und umgekehrt marschieren. Die Bewilligung für die Ein-Mann-Demo gilt ausdrücklich nur für den Gesuchsteller selber. Sympathisanten dürfen sich ihm nicht anschliessen, wie Stephan Staub, Rechtskonsulent der Gemeinde Davos, betonte. (sda)» Aus: Landbote, 1.2.02

Einzeldemonstrationen sind für den 79-jährigen Edouard Wahl, Segellehrer und Gemeinderat von Brissago TI, nichts Neues. Vor vielen Jahren ärgerte er sich über ein Schild an der Tür eines Basler Cafés: «Italiener unerwünscht». Der gebürtige Basler ging sofort nach Hause, bastelte eine Tafel mit der Aufschrift «Wir sind alle Italiener!» und zog damit vors Café. «Ich habe diese Diskriminierung nicht ertragen und musste einfach etwas tun», erinnert er sich. Stundenlang sei er vor dem Café gestanden und habe protestiert. Wahls Vorbild im Kampf gegen Ungerechtigkeit ist König Christian X. von Dänemark, der während des Zweiten Weltkriegs als Zeichen der Solidarität den Judenstern trug.

Mit dem World Economic Forum (WEF) und der Globalisierung befasst sich Wahl erst seit letztem Jahr intensiv. «Es ist unglaublich, wie die Schweizer Polizei am Zoll von Chiasso mit den italienischen Demonstranten umgesprungen ist», empört er sich. Die Polizisten gingen mit Wasserwerfern gegen die Globalisierungsgegner vor und liessen sie nicht nach Davos weiterreisen. Spontan habe er deshalb in Brissago am Schweizer Zoll eine zweistündige Mahnwache gehalten: «Das war mein erster direkter Kontakt mit dem WEF.»

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Im Februar 2001 reichte Wahl beim Davoser Landrat ein Gesuch für eine Demonstration gegen das WEF 2002 ein – die Bewilligung erhielt er 323 Tage später. Sie galt aber ausdrücklich nur für «den Gesuchsteller selber». Wahl durfte vom Bahnhof Davos Dorf über die Promenade bis zum Bahnhof Davos Platz und zurück marschieren. «Immerhin rund neun Kilometer», erklärt er stolz.

Die Passanten hätten ihm am wunderschönen Wintertag aber wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Dabei hätte sein Plakat mit den Aufschriften «Lieber Chaoten im Gestrüpp als Bush in Davos» und auf der Rückseite «Verpisst den Sekt, vergrault die Fetten, legt Hungernde in die Fremdenbetten» doch reichlich Anlass zu Diskussionen geben können.

Zwischenfälle gab es keine, nur ein Spaziergänger habe ihn angepöbelt. «Die Polizei hielt sich zurück», lobt Wahl. Und der Davoser Regierungsstatthalter habe ihn auf halbem Weg freundlich begrüsst. Hat sich demnach die Demonstration gelohnt? «Auf jeden Fall. Ich habe die Meinungsfreiheit in Davos wiederhergestellt», meint Wahl selbstbewusst.

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