«Eine Schar Kinder verfolgt in Zürich einen Entreissdieb. Als ein achtjähriges Mädchen den Täter überwältigen will, lässt er die Beute fallen.» Aus: Tages Anzeiger Zürich.

Es war am 14. März, nachmittags gegen vier Uhr, die 12-jährige Eva Guagnelli war gerade mit ihrer Schulfreundin Ayse auf dem Weg nach Hause. Da hören sie Hilfeschreie. «Ich dachte zuerst, das wären ein paar Mädchen, die spielen», sagt Eva. Doch es ist eine alte Frau, die um Hilfe ruft, und ein junger Mann rennt mit einer Tasche davon. Die beiden Mädchen nehmen sogleich die Verfolgung auf.

Die 83-Jährige war gerade aus dem Stadtzentrum zurück-gekehrt und aus dem Tram gestiegen. Beim Händler um die Ecke hatte sie noch Früchte gekauft. Dann, fast zu Hause, hat sie plötzlich einen Schlag in den Rücken erhalten, und der Dieb hat ihre Tasche geschnappt.

Er rennt Richtung Röntgenplatz. Über 100 Kinder spielen hier täglich. Die meisten kennen sich, die wenigsten sind Schweizer. «15 von 17 Kindern in meiner Klasse sind Ausländer», hat Eva ausgerechnet. Der Lehrer schimpfe gelegentlich, dass es viel Geduld brauche, weil viele kaum Deutsch könnten.

Auf dem Platz spielen gerade die 8-jährige Gülse, der 14-jährige Michi (Bild links) und der gleichaltrige Sishan Fussball. Gülse stellt sich dem Dieb in den Weg. Doch der wirft sie einfach um. Mindestens zu siebt verfolgen die Kinder den Mann: Eva, Ayse, Gülse, Amel, Milan, Sishan und Michi. Da wird es dem Dieb zu viel – er lässt die Tasche fallen. Michi nimmt sie auf, Eva und Ayse bringen sie der Frau zurück. Der Dieb hatte während der Flucht das Bahnabonnement der Frau aus der Tasche geklaubt. Eine Frau findet es später in einem Abfallkübel der S11 und schickt es der Besitzerin.

Michi verbringt eine Stunde auf dem Polizeiposten: «Ich musste Bilder anschauen und sagen, ob es der Täter ist. 3000 Bilder haben sie auf dem Computer», staunt er. Den Täter hat die Stadtpolizei aber bisher nicht gefunden.

Als Helden fühlen sich die Kinder nicht. «Ich hatte keine Angst», sagt Michi. «Es ist gut, dass wir Kinder zusammengehalten haben», ergänzt Eva. Sie hat die alte Frau inzwischen ein-, zweimal wieder gesehen. «Sie hat gesagt, sie habe Angst und gehe seither nicht mehr so gern aus», erzählt Eva. Alle Kinder haben von der Frau eine Tafel Schokolade erhalten.

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Bei der Stadtpolizei findet man das Vorgehen der Kinder toll, ein wenig wie bei «Emil und die Detektive». Eva hat den Film gesehen. «Cool», sagt sie dazu. «Das war ähnlich wie bei uns.»