Gründlich hatten Behörden und Experten den Umzug des Luchsmännchens Turo vorbereitet – und dabei wohl die Macht seiner Hormone unterschätzt. Ende Januar war Turo im Rahmen des Projekts Luchsumsiedlung Nordostschweiz (Luno) im thurgauischen Littenheid in die freie Wildbahn spediert worden: Turo sollte ein neues Revier finden und bald Nachwuchs auf die Pfoten stellen.

Doch die Rechnung ging – vorerst – nicht auf: Die Raubkatze kam derart weit vom Zielgebiet ab, dass die Luno-Mitarbeiter sie kürzlich wieder einfangen mussten. Knapp vor der deutschen Grenze, im Hügelzug hinter Hallau, konnten sie den Flüchtigen mit einem gezielten Betäubungsschuss zur Strecke bringen.

Hinter Turos Odyssee stecken vermutlich starke Triebe. «Der Luchs ist im besten Alter, um ein Weibchen zu finden und ein Revier zu gründen», sagt Kuno von Wattenwyl, der Turos Wanderschaft mit dem Peilgerät mitverfolgt hatte. Auf der Suche nach einer Partnerin sei er immer weiter gegen Norden gezogen: «Sehr zielstrebig, immer in die gleiche Richtung», erzählt der Biologe, der in Uznach eine Feldstation führt.

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Beachtlich sind die Hindernisse, die Turo dabei überwand: zuerst die Autobahn A1, dann die Thur und schliesslich den Rhein. Insgesamt schaffte der Luchs eine Strecke von über 50 Kilometer Luftlinie.

Der Luchs stammt aus dem Berner Jura und wurde bei Moutier ein erstes Mal geschnappt. Für seine Aussiedlung in die Ostschweiz mussten die Experten des Bundesamts für Umwelt, Wald und Landschaft grünes Licht geben, ebenso die Luno-Kantone Zürich, Thurgau, St. Gallen, Appenzell Ausserrhoden und Innerrhoden.

Dem Projekt ging eine breite Vernehmlassung voraus; die Jäger wurden informiert, ebenso die Bauern. Der ganze Aufwand soll helfen, die Luchspopulation zu stärken, so von Wattenwyl. «Ein Tier aus dem Jura erweitert den Genpool in unserem Gebiet. Eines Tages sollte der Luchs wieder den ganzen Alpenraum bevölkern.» Bis dahin ist es aber noch ein langer Weg.

Wäre Turo tatsächlich nach Deutschland emigriert, hätte das Luno-Team «sehr lange auf eine Fangbewilligung warten müssen», erklärt von Wattenwyl. Der flüchtige Luchs wäre womöglich verloren gegangen. Nun steht zum Glück doch noch ein Happy End an: Sobald sich Turo von der Narkose erholt hat, wird er wieder ausgesetzt – dieses Mal aber zusammen mit zwei jurassischen Weibchen.