Als Arnold Gunzenhauser an jenem Samstag die ausserordentliche Generalversammlung geschlossen hatte, ging er erleichtert nach Hause. Dem Präsidenten der Stadtzürcher Knabenmusik war es gelungen, das Haupttraktandum der Statutenrevision reibungslos über die Bühne zu bringen. Die Schicksalsfrage hatte gelautet: Soll die Knabenmusik auch Mädchen aufnehmen? 57 Mitglieder stimmten Ja, neun waren dagegen, vier enthielten sich der Stimme.

Einen Monat später schaltete Gunzenhauser Inserate in der Presse. «Musikschule der Knabenmusik der Stadt Zürich. Ab sofort sind auch junge Frauen und Mädchen herzlich willkommen.» Seither sind drei unerschrockene weibliche Wesen zum Korps gestossen, das rund 120 maskuline Musikanten zählt.

Früher war die Knabenmusik weitaus potenter. 1918 gegründet, zählte der Verein in seinen Glanzzeiten bis zu 270 Aktive. Ob Musikwettbewerbe, Sechseläuten oder Knabenschiessen – die Kapelle stand bei offiziellen Anlässen ihren Mann. Doch so wie die Pokale im Probelokal allmählich Staub ansetzten, schwand auch das Interesse am Verein. Erkrankten Musiker vor einem Konzert, hatte der Präsident in den letzten Jahren jeweils weibliche Aushilfen zusammengetrommelt. Jetzt dürfen Mädchen bei der Knabenmusik auch regulär den Marsch blasen.

Bis es so weit war, wurden Misstöne laut. Gunzenhauser erinnert sich an seine eigene Aktivzeit in den siebziger Jahren, wo das weibliche Geschlecht nur in einer Hinsicht Thema gewesen sei. «Damals wurden wir vom Leiter angepfiffen, wenn unsere Haare zu lang waren: ‹Du siehst aus wie ein Mädchen!›» Kein Wunder, brauchte es einige Überzeugungsarbeit, bis die Gleichberechtigung spruchreif war. Manche Mitglieder sind heute noch gegen die Öffnung.

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Das erinnert an den Fall einer anderen Zürcher Männerbastion: das Knabenschiessen. Erst seit 1991 dürfen Mädchen mitmachen, und auch dort ging ein langer Streit voraus. Heute belegen Frauen Podiumsplätze, und 1997 gabs sogar eine Schützenkönigin. Das freut nicht alle: Einige Gönner warfen aus Protest die Flinte ins Korn.

Doch spätestens bei der Namensgebung ist Schluss mit Gleichberechtigung: Am Wort «Knaben» wird nicht gerüttelt. «Ein neuer Name ginge gewaltig ins Geld», sagt Arnold Gunzenhauser. «Allein für eine neue Fahne wären 20'000 Franken nötig.»