Von weitem sieht er vollkommen friedlich aus, wie er gemütlich auf dem Schiffspfahl sitzt, wegen der klirrenden Kälte sein pechschwarzes Federkleid aufplustert und seinen langen Schnabel in die Luft streckt.

Doch ganz so putzig, wie er auf den ersten Blick scheint, ist der Kormoran nicht – finden jedenfalls die Fischer am Schweizer Bodenseeufer. «Diese Vögel fressen uns die Fische weg», beschwert sich Jürg Marolf, Hobbyfischer und Präsident des Thurgauer Fischereiverbands.

Hier gehts um einen Machtkampf zwischen Mensch und Tier, könnte man meinen, um puren Futterneid. Doch so einfach ist es nicht. Jahrelang hegten und pflegten die Fischer die Äsche – einen Edelfisch, dessen Fleisch nach Thymian schmeckt. Wegen des Besorgnis erregend tiefen Fischbestands verzichteten sie sogar darauf, im Hochrhein die Angeln auszuwerfen.

Kaum aber hatten sich die Äschen im Seerhein erholt, kriegten die Kormorane Wind vom exzellenten Futter unweit des Kreuzlinger Bodenseeufers. Seither besuchen sie eifrig den neuen Futterort, der sich wegen des flachen Wasserstands bestens für die Jagd eignet. Das Resultat: Der Strom ist heute wieder leer gefressen. «Eine Katastrophe», so Marolf. Er fordert Massnahmen gegen die rasant wachsende Vogelpopulation. So sollen seiner Meinung nach die Nester der Kormorane zerstört werden.

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Das Problem dabei: Die rund 120 Tiere, die ihren Appetit im Thurgauer Gewässer stillen, leben und brüten auf deutschem Boden – in den Naturschutzgebieten Radolfzeller Aach und Wollmatinger Riet. In die Schweiz fliegen sie bloss, wenn sie der Hunger plagt – was des Öfteren der Fall ist.

Bislang wurden die Klagen der Schweizer Fischer vom Seewind verschluckt. Die deutschen Behörden stehlen sich aus der Verantwortung, und die Vogelschützer in Deutschland und der Schweiz haben kein Ohr für den Ärger der Fischer.

Auch auf dem diplomatischen Parkett tun sich die Angler schwer. Kürzlich schrieb der Thurgauer Fischereiverband an Bundesrätin Micheline Calmy-Rey: «Wir bitten Sie, unser Anliegen ernst zu nehmen und sich des drängenden Problems anzunehmen.» Doch der Aussenministerin liegen offensichtlich andere Probleme mehr auf dem Magen. Unter dem Titel «Nachbarschaftsrecht» wurde der Brief aus der Ostschweiz flugs an die Eidgenössische Direktion für Völkerrecht weitergereicht.

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Fische, Vögel – Völkerrecht? Auf das Urteil darf man gespannt sein: Das Völkerrecht war, bisher zumindest, weder Fisch noch Vogel besonders zugetan.