Wer Geld von der AHV oder der IV bekommt, hat das unter anderem der Zentralen Ausgleichsstelle (ZAS) in Genf zu verdanken: Sie ist verantwortlich für die Auszahlung im In- und Ausland. Daher muss sie Briefe und andere Dokumente in etliche Sprachen übersetzen. Im Herbst 2015 schrieb sie dafür einen Grossauftrag aus – über rund 15 Mil­lionen Wörter, verteilt auf fünf Jahre.

40 bis 50 Rappen pro Wort dürfen einfache Übersetzungstexte kosten, 42 bis 52 Rappen schwierige – so sahen es die Zuschlagskriterien vor. Ein lukratives Angebot. Alexander Otth von der Otth Translations in Feldmeilen und Dietrich M. Weidmann vom Allsprachendienst Esperanto GmbH in Uster bewarben sich gemeinsam. Die erfahrenen Übersetzer hatten bereits für Bundesbetriebe gearbeitet und offerierten gar unter dem angegebenen Preis: durchschnittlich 35 Rappen pro Wort. «Ein absolut üblicher Marktpreis», sagt Dietrich M. Weidmann.

Umso überraschter war er, als er und sein Partner schon in der ersten Runde ausschieden und nicht einmal zum Qualitätstest eingeladen wurden. Weidmann fragte bei der ZAS nach, wo das Problem liege – und staunte noch mehr: «Man sagte mir, wir hätten beim Preis die Vorgaben nicht erfüllt.»

Vorgehen widerspricht dem Gesetz

Die Preisspanne wurde offenbar nicht als Maximalgrenze betrachtet, sondern zugleich als Minimalgrenze. Das heisst: Nicht nur Angebote oberhalb, sondern auch solche unterhalb erhielten in dieser Kategorie automatisch null Punkte – ohne dass dies erwähnt wurde. «Eine solche Auslegung der ­Tarifspanne ist mir noch nie begegnet. Sie ist auch völlig weltfremd und widerspricht dem gesunden Menschenverstand», sagt Weidmann. Nicht nur das: Sie widerspricht auch dem Gesetz über das öffentliche Beschaffungswesen, wonach das günstigste Angebot den Zuschlag erhält. Hat die ZAS den Millionenauftrag nur pro forma ausgeschrieben? Wusste sie vorher schon, mit wem sie zusammenarbeiten will, und hat sie sich deshalb einen besonders perfiden Kniff einfallen lassen?

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Der Verdacht ist zumindest nicht abwegig. Den Zuschlag erhielten drei Firmen mit Sitz um und in Genf, wo auch die ZAS beheimatet ist. Zwei der berücksichtigten Anbieter verlangten für den Auftrag 6,3 Millionen Franken, der dritte gar 7,8 Millionen. Otth und Weidmann hätten das Gleiche für 5,18 Millionen gemacht. Die ZAS hätte über eine Million Franken sparen können.

Gerne wüsste man, welche Firmen die ZAS früher mit Übersetzungen beauftragte – und ob es vielleicht dieselben waren, die nun den Zuschlag erhielten. Doch das ist nicht eruierbar: «Wir können uns zum laufenden Verfahren zum heutigen Zeitpunkt nicht ­äussern», sagt ZAS-Mediensprecher Markus Odermatt. Die unterlegenen Übersetzer Otth und Weidmann haben nämlich gegen die Zuschlagsverfügung Rekurs eingelegt, der Ball liegt nun beim Bundesverwaltungsgericht.

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«Was die Zahlstelle da tut, ist völlig weltfremd und gegen den gesunden Menschenverstand.»

Dietrich Weidmann, betroffener Bewerber

Die Zentrale Ausgleichsstelle steht nicht zum ersten Mal wegen Auftragsvergaben in der Kritik. Der IT-Bereich der ZAS wurde 2014 von der Eidgenössischen Finanzkontrolle durchleuchtet. Diese stellte zahlreiche Verstösse gegen das Beschaffungsrecht fest, Millionen wurden verschleudert. «Gerade deshalb achten wir heute besonders streng darauf, die Regeln einzuhalten», versichert Sprecher Markus Odermatt. Bei der Ausschreibung für die Übersetzungen habe man sich strikt an die verbindliche Sprachweisung der Bundeskanzlei gehalten.

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Die Bundeskanzlei windet sich

Tatsächlich sind dort die gleichen Tarifspannen aufgeführt. Doch sind sie wirklich auch als Untergrenze zu interpretieren? Die Bundeskanzlei tut sich schwer mit einer klaren Antwort, will diese Auslegung aber nicht ausschliessen. Die Tarifspanne verhindere Exzesse gegen oben und unten, sagt Sprecher René Lenzin. Sie diene insofern auch der Qualitätssicherung, denn anders als bei anderen Aufträgen sei hierfür bei Übersetzungen am Ende der Auftraggeber verantwortlich: «Die übersetzten Texte durchlaufen eine weitere Phase, wenn sie in den Landessprachen publiziert oder dem Bundesrat vorgelegt werden und dabei zwingende Normen erfüllen müssen. Dann liegt die Qualitätsverantwortung nicht mehr beim externen Übersetzer, sondern beim Bund.»

Bei Übersetzer Dietrich M. Weidmann löst diese Erklärung Kopfschütteln aus: «Ein hoher Preis bedeutet ja nicht automatisch bessere Qualität. Ich habe bisher für Bundesbetriebe immer zu günstigeren Tarifen gearbeitet als diese 40 Rappen. Und mir ist keine Zuschlagsverfügung bekannt, bei der dieser angebliche Mindestpreis nicht unterboten wurde.» Die Vergabepraxis der ZAS biete den Übersetzern jetzt eine hübsche Gelegenheit, sich mit Staatsgeldern gesundzustossen. Mindestens eine der berücksichtigten Firmen bietet ihre Dienste gemäss ihrer Website üblicherweise bereits ab 25 Rappen pro Wort an. «Mit dem ZAS-Auftrag verdienen die sich jetzt eine goldene Nase. Ich halte das für unredlich», sagt Weidmann.

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  • Anmerkung: Dieser Artikel entstand durch Hinweise auf der Whistleblower-Plattform des Beobachters: www.sichermelden.ch