Der Horseshoe ist das Herz der Bahn. Viele der Fahrer, vor allem die Amateure, haben an dieser Stelle Angst. Horseshoe heisst ja Hufeisen, die Hufeisen-Kurve. Sie ist die engste und schnellste Kurve auf dem St. Moritzer Bobrun. Du braust mit etwa 115 km/h heran - und auf einmal siehst du nichts als eine weisse Wand. Der Bob kippt zur Seite, die Fliehkraft presst den Schlitten und die Piloten mit dem Fünffachen ihres Eigengewichts an die senkrechte Wand. Jetzt braucht es Nerven, der Bob muss oben bleiben und die Kurve schön zu Ende fahren. Wer zu früh am Steuerseil reisst, steuert nach unten - ein schlimmer Fahrfehler, am Ende der Kurve wird der Schlitten völlig unkontrollierbar. Pfeilgerade schiesst er, statt der auslaufenden Kurve zu folgen, an der Wand hoch, knallt in die Bretter und fliegt meterweit durch die Luft in die Bahn zurück. Das kommt immer wieder vor, vor drei Wochen das letzte Mal. Sah schlimm aus, aber die Fahrer sind glücklicherweise mit dem Schrecken davongekommen.

Jedes Jahr zu Winterbeginn macht sich ein Team von 14 Leuten daran, die einzige Natureisbahn der Welt zu bauen. Ich bin, zusammen mit meinem Bruder, am längsten dabei: dieses Jahr zum 27. Mal. Ich stamme aus Tirol. Seit den fünfziger Jahren schon bauen immer Leute aus Tirol die Bahn. Mich hat 1980 ein Kumpel gefragt, ob ich nicht mitkommen wolle. Ich ging mit, die Arbeit gefiel mir, seither bin ich jedes Jahr wiedergekommen. Im Frühling und im Herbst arbeite ich im Wald beim Forstdienst, und im Sommer bin ich Alphirt am Flüelapass. Ich liebe die freie Natur, ich könnte nicht in einem Büro tätig sein, Kälte, Schnee und Regen, das alles kann mir nichts anhaben.

Acht Stunden pro Tag am Kurvenfeilen
Auf der Bahn bin ich verantwortlich für den Horseshoe. Acht Stunden verbringe ich im Durchschnitt täglich an der Kurve. Durch den extremen Druck, den die Kufen in der Steilwand auf das Eis ausüben, bilden sich Kerben in der Bahn. Die müssen weg. Um eine kaputte Stelle zu reparieren, wird sie zuerst nass gemacht, dann mit Schneematsch aufgefüllt und zuletzt mit der Schiene geglättet. Die ganze Fläche muss dunkel bleiben, dann ist aller Schnee ausreichend mit Wasser getränkt. Ich muss gute Arbeit leisten, die Bahn muss glatt sein und rund, sonst wird es bei diesen Geschwindigkeiten vor allem für weniger geübte Piloten gefährlich. Fährt ein Schlitten über eine Unebenheit, kann er wegsacken und ist dann kaum mehr steuerbar.

Dieses Jahr ist die Bahn gut gelungen. Die Piloten geben gute Rückmeldungen. Das Wetter hat auf die Qualität des Kanals nur einen geringen Einfluss. Ein, zwei wärmere Tage hält der Run gut aus, weil das Eis ja die Kälte speichert. Letztes Jahr aber war es ganz schlimm. Es war ständig viel zu warm. Die ganze Saison war ein einziger Kampf, oft mussten wir die ganze Nacht hindurch alle drei Stunden Wasser spritzen.

An den Tagen, an denen Rennen stattfinden, wie etwa die Schweizer Meisterschaft oder ein Weltcuprennen, müssen wir früh raus. Um halb sechs sind wir an der Bahn, schaufeln den Neuschnee aus dem Kanal und bringen sonst alles in Ordnung. Während des Rennens stehen wir bereit, falls etwas passiert. Am Horseshoe herrscht an Rennen immer eine tolle Atmosphäre. Die Leute wissen, dass es die spektakulärste Stelle der Bahn ist. Das Publikum ist international. Und natürlich fiebere ich dann mit.

Anzeige

Letztes Jahr kamen sämtliche Missen
Wer Lust hat, kann mit den sogenannten Taxifahrten selber einmal mit mehr als 100 km/h den Kanal runtersausen. Natürlich nicht als Pilot, sondern nur als Beifahrer. Mitfahren dürfen alle, die älter sind als 18 Jahre. Jüngere ertragen den Druck auf die Wirbelsäule weniger gut. Der älteste, der einmal mitfuhr, war ein 83-jähriger Mann. Auch ich fahre ab und zu als Passagier mit. Mir gefällt die Geschwindigkeit, der Druck, mit dem es einen in den Sitz presst. Interessanterweise sind es mehr Frauen als Männer, die Taxifahrten buchen. Letztes Jahr kamen sämtliche Missen - und die russische Ex-Tennisspielerin Anna Kurnikowa. Auch Formel-1-Fahrer fasziniert der Kanal. Michael Schumacher kam sogar zu Fuss an den Horseshoe und liess sich alles ganz genau erklären.

Am ersten Sonntag im März geht die Saison, wie jedes Jahr, zu Ende. Dann wird die Bahn mit Schnee aufgefüllt, damit niemand mehr runterfährt, und auch die Sonnensegel, die in den Kurven Schatten spenden, werden entfernt. Die Märzsonne macht dem Eis bald den Garaus. Nur am Horseshoe bleibt es länger liegen, weil die wärmenden Sonnenstrahlen die Einfahrt der Kurve nicht erreichen, auch wenn rundherum schon alles grün ist.

Wie viele Jahre ich noch wiederkomme, weiss ich nicht. Für meine Frau und meine drei Kinder ist diese Zeit im Winter schwierig, weil ich nur selten bei ihnen sein kann. Während der Saison von Ende Dezember bis Anfang März ist fast jeder Tag ein Arbeitstag. Da gibt es kaum Gelegenheit, für ein paar Tage nach Hause nach Naturns bei Meran zu fahren. Meine 30. Bahn möchte ich aber sicher noch bauen. Dann werden wir weitersehen.

Anzeige