Vor 20 Jahren kam das Wort Ökologie in der «Neuen Zürcher Zeitung» noch nicht vor. Ich war jung, hatte mein Medizinstudium beendet, und nach den vielen Jahren im Studierzimmer wollte ich raus. Ich wollte etwas tun gegen die Umweltverschmutzung, die vom Establishment einfach ignoriert wurde.

Mein Thema war die Atomkraft.

1984 plante Greenpeace eine grosse Friedensmission im Pazifik, wo die USA und Frankreich Atombombentests durchführten. Ich hatte Glück, ich durfte mit.

Die «Rainbow Warrior» war ein rostiger Metallkahn, 50 Meter lang und Hunderte von Tonnen schwer. Wir setzten dem Boot zwei hohe Masten auf, damit es auch segeln konnte. Die Reise sollte acht Monate dauern. Zwölf Menschen aus acht Ländern waren dabei.

Zuerst ging es durch den Panamakanal, Richtung Hawaii, zu den Marshallinseln. Wir steuerten Rongelap an, ein Atoll, auf dem ein paar hundert Menschen wohnten. Als die Amerikaner in den fünfziger Jahren auf Bikini ihre Atombomben testeten, wurden diese Einheimischen eingeschneit vom radioaktiven Staub. Seitdem fühlten sie sich krank, nun wollten sie weg. Nächtelang transportierten wir ihr Hab und Gut auf eine andere Insel.

Zwei Haftminen am Bootsrumpf
Wir hatten Journalisten dabei. Sie sollten die Probleme der schwachen Bevölkerung in die Welt hinaustragen. Es war empörend, dass die Franzosen und die Amerikaner ihre Atomtests auf der anderen Seite des Globus durchführten und sich dabei um die lokale Bevölkerung foutierten.

Im zweiten Teil der Reise wollten wir die Franzosen stören, die auf Mururoa ihre Atombomben zündeten. Im Hafen von Auckland bereiteten wir uns darauf vor.

Am 10. Juli 1985 feierten wir auf dem Schiff ein Fest. Ein Kollege hatte Geburtstag. Gegen Mitternacht zog ich mich in meine Kajüte zurück, um zu lesen. Plötzlich knallte es. Das ganze Schiff vibrierte, das Licht ging aus. Ich rannte in den Korridor. Die Verwirrung war gross. Innert Sekunden neigte sich das Schiff zur Seite. Es war offensichtlich, dass wir von Bord gehen mussten. Schnell. Neben mir stand der Fotograf Fernando Pereira. Er wollte seine Fotoausrüstung retten und stieg noch einmal ins Unterdeck. In diesem Moment knallte es ein zweites Mal.

Das Schiff sank. Manche sprangen ins Wasser, ich stieg über einen Steg aufs Festland. Erst später bemerkten wir, dass Fernando fehlte. Taucher fanden seine Leiche im Wasser, er war ertrunken.

Dass es ein Anschlag gewesen war, wurde schnell klar. Jemand hatte zwei Haftminen am Bootsrumpf befestigt, die nacheinander explodierten. Wir waren perplex. Plötzlich kamen die grossen Mächte ins Spiel, die vor nichts zurückschreckten. Dass tatsächlich Frankreich mit seiner sozialdemokratischen Regierung hinter der Versenkung der «Rainbow Warrior» steckte, konnte ich lange nicht fassen. Das Militär konnte wohl nicht mehr zwischen Planspiel und Realität unterscheiden.

Doch die Franzosen hatten nicht mit der Hartnäckigkeit der Neuseeländer gerechnet. Ein Bauer, der ein Treffen von Unbekannten beobachtet hatte, brachte die Ermittler auf die richtige Spur. Zwei Tage nach dem Anschlag wurden zwei französische Geheimdienstler mit falschen Schweizer Pässen verhaftet. Monate später musste der französische Verteidigungsminister zurücktreten. Präsident Mitterrand sagte, er habe von nichts gewusst.

Für mich war die Reise in Neuseeland zu Ende. Ich blieb drei Jahre dort, arbeitete als Arzt und machte mehrere Expeditionen in den Pazifik, um die Folgen der radioaktiven Verseuchung zu untersuchen.

Wieder zurück in der Schweiz, leitete ich verschiedene Kampagnen für Greenpeace. Anfang der neunziger Jahre begann man, vom Treibhauseffekt und von der Ozonproblematik zu reden. Ich half, Strassen zu blockieren, oder kletterte auf hohe Kamine. Aktionen waren gut, um ein Problem auf den Punkt zu bringen. Wir konnten damit etwas bewirken – und wir konnten auch Dampf ablassen.

Glaube an die Zukunft
Heute ist das schwieriger. Die grossen, augenfälligen Umweltverschmutzer gibt es nicht mehr in gleichem Masse. Jetzt müssen die Umweltorganisationen bei den politischen Rahmenbedingungen und beim Individuum ansetzen.

Nach wie vor setze ich mich für das Klima ein. Nicht mehr so frei und unabhängig, schliesslich muss ich eine sechsköpfige Familie ernähren. Aber hartnäckig. Ich habe mich vor drei Jahren in Herzogenbuchsee als Berater selbstständig gemacht. Heute kombiniere ich bei meinen Präventionsprojekten meine zwei Themen Medizin und Umwelt. Denn die Leute werden sich eher für die Umwelt einsetzen, wenn sie einen persönlichen gesundheitlichen Nutzen daraus ziehen.

Mein Leben ist ruhiger geworden. Ich glaube an die Zukunft, Veränderungen sind möglich. Aber seit den Ereignissen in Neuseeland bin ich skeptischer – nach allen Seiten hin.

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