Die Schweiz hat eine grossartige Handwerkstradition. Hier wird noch Qualitätsarbeit geleistet. In der Detailausführung auf den Baustellen sind hiesige Handwerker oft genauer als die in meiner Heimat in Thüringen.

Ich rede aus langer Erfahrung. Am 24. September 2004 endet der Pflichtteil meiner zünftigen Walz, die dauert traditionsgemäss drei Jahre und einen Tag. In dieser Zeit muss sich der zünftige Geselle in einer Entfernung von mindestens 50 Kilometern von zu Hause aufhalten.

Am Anfang meiner Lehre wusste ich: Zu diesen zünftigen Gesellen mit ihrer schwarzen Kluft und dem Stenz, wie wir den Wanderstock nennen, will auch ich einmal gehören. Woher dieser Wunsch kam, weiss ich bis heute nicht – ich habe aber weder die Berufswahl noch den Entschluss zu «tippeln» je bereut.

Im so genannten Charlottenburger, unserem traditionellen Bündel, tragen wir unser gesamtes Hab und Gut auf uns – die Hemden, Unterwäsche sowie die Werkzeuge. Supersportlich bin ich nicht. Trotzdem habe ich grosse Strecken von Basel nach Köln oder von Frauenfeld nach Lüneburg zu Fuss geschafft – den Rest per Anhalter. Im Hochschwarzwald übernachtete ich einst bei Schneefall unter einer Tanne, nahe Zwickau schlief ich bei strömendem Regen unter einem Obstbaum. Anschliessend hat die Sonne die Kluft am Körper wunderbar getrocknet.

«Schwarzes Buch» mahnt zur Vorsicht
Arbeit hab ich bisher überall und innert nützlicher Frist gefunden. Man hört sich in den Herbergen unserer Zunft um. Damit die Gesellen wissen, in welchen Gegenden Zimmerleute gefragt sind. Wir bewerben uns aber erst dann, wenn wir ein Ziel erreicht haben. In der neuen Herberge werfen wir erst einen Blick ins «Schwarze Buch». Darin sind die zwielichtigen Meister aufgeführt. Bei den tüchtigen Meistern klopfen wird dann an.

Als Gewerkschafter arbeite ich nur zu den jeweiligen Vertragslöhnen. In der Schweiz werden diese immer anstandslos bezahlt. Die Meister profitieren ja auch von uns: Sie stellen uns ein, wenn es viel Arbeit gibt. Ist diese verrichtet, müssen sie uns nicht länger bezahlen. Dann ziehen wir weiter.

Die Wanderschaft hat mir die Augen geöffnet – für den Zusammenhang zwischen dem Klima und der Bauweise einer Region. An der Nordsee dominieren steile, schmale Giebeldächer. Sie halten dem Wind stand. In den Alpen sind die Dächer meistens flach. Die Schneeschicht auf den Dächern isoliert gegen die Kälte. Darüber hinaus gefällt sie den Touristen. Wir Zimmerleute haben unsere Arbeitsweisen seit Jahrhunderten dem Klima angepasst. Auf der Wanderschaft lernen wir die Handwerkstechniken, die in den verschiedenen Gebieten vorherrschen.

Leider passen sich Menschen der Natur nicht überall an. Die vier Monate, die ich in Neuseeland verbracht habe, waren diesbezüglich eine Riesenenttäuschung. In Neuseeland gibt es keine Handwerkstradition. Man kriegt dort kein anständiges Holz. Die Maschinen und Werkzeuge lassen ebenfalls zu wünschen übrig. Noch enttäuschender ist, dass die «Kiwis» gar kein Interesse an gutem Handwerk haben.

Daraus habe ich meine Konsequenzen gezogen und nur ganz kurz in einem grösseren Betrieb gearbeitet. Daraufhin suchte ich meine Kundschaft selbst und habe sie gefunden – für Einwanderer konnte ich kleinere Arbeiten verrichten. Der Aufenthalt hat mich beruflich jedoch nicht weiter gebracht.

Gelohnt hat sich die Reise trotzdem. Die Natur beeindruckte mich tief, und die Menschen waren sehr freundlich. Allerdings musste ich mich daran gewöhnen, dass mich viele aufgrund meiner Kleidung für ein Mitglied der «Amish people» hielten, einer religiösen Gemeinschaft aus Pennsylvania in den USA.

Etwas anders als die meisten unserer Altersgenossen sind wir schon. Wir träumen nicht vom eigenen Auto und leben ohne Handy. Wir leben aber recht gut, bloss etwas einfacher als die andern. Bei uns steht das Handwerk im Zentrum. Mit unserer Kluft unterscheiden wir uns auch äusserlich. In der Arbeitswelt sind wir als tüchtige Berufsleute bekannt. Schwierigkeiten gibts ab und zu in der Freizeit. In Nürnberg verweigerte mir einst ein Türsteher den Eintritt in die Disco.

Der Bund endet erst mit dem Tod
In der Schweiz ist mir so etwas noch nie passiert. Überhaupt gefällt es mir hier sehr gut. Zwar will ich noch in den Norden, nach Skandinavien gehen, um mich dort mit der Technik vertraut zu machen. Doch bereits jetzt erwäge ich eine Rückkehr hierher. Denn die Schweizer Bevölkerung ist Fremden gegenüber offen. Zudem bleibt einem hier vom Geld weit mehr als in meiner Heimat. In Nürnberg hat mir der Staat doch sage und schreibe 49 Prozent meines Einkommens weggesteuert. Das ist einfach zu viel.

Egal, wo ich einmal sesshaft werde, den «rechtschaffenen fremden Gesellen» werde ich zeitlebens treu bleiben, so wie all meine Brüder. Vor zwei Tagen haben wir – rund 150 Zimmerleute – einem Zunftbruder die letzte Ehre erwiesen. Vor einigen Monaten kamen gar 220 Zimmerleute in Lübeck zusammen. Sie haben sich von einem 50-jährigen Kollegen verabschiedet, der von einem Gerüst gestürzt war.

Unser Handwerkerbund endet halt erst mit dem Tod.

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