Den Sommer über herrscht in Nepal der Monsun: Der Himmel ist ständig bewölkt – meistens regnet es. Touristen kommen zu dieser Jahreszeit kaum ins Land. Ich nutzte diese Periode, um mich hier in der Schweiz weiterzubilden. Auf der Keschhütte im Bündner Albulagebiet absolvierte ich ein Praktikum: Ich lernte, wie man eine Berghütte führt. Dazu gehören unter anderem die richtige Abfallentsorgung, die hygienische Wasseraufbereitung, aber auch das Ausbessern des Weges. Die Hütte ist sehr luxuriös ausgestattet: Für alles gibt es eine Maschine.

Ich bin in Gumile aufgewachsen, einem kleinen nepalesischen Dorf. Es liegt auf 2600 Meter über Meer, also in ähnlicher Höhe wie die Keschhütte. In Gumile haben die Gebäude keine Heizung, und die Kleider, die wir als Kinder trugen, schützten nur schlecht vor der Kälte. In manchen Häusern besassen die Familien einen Gasbrenner; dieser wurde unter dem Tisch angezündet und die Tischplatte mit einer Decke abgedeckt. So konnte man wenigstens den Unterkörper wärmen. Jetzt wohne ich in Kathmandu. Dieser Ort liegt auf 1300 Meter über Meer. Da ist die Kälte kein Problem.

Um jeden Preis auf den Gipfel
Ich führe in Nepal seit mehr als 20 Jahren eine eigene Trekking- und Expeditionsgesellschaft. Meine Karriere begann ich mit zwölf Jahren als einheimischer Träger. Ein Erwachsener trägt eine Last von 30 bis 40 Kilo auf den Touren, die mehrere Wochen dauern und in grosse Höhen führen können. Die Laufbahn im Trekkinggeschäft führt vom einfachen Träger über die Arbeit als Küchenjunge und Koch bis zum Expeditionsführer.

Als ausgebildeter Koch habe ich auch in der Keschhütte Mahlzeiten zubereitet und dabei nepalesische Spezialitäten serviert: Momos, mit Fleisch gefüllte Teigtaschen – ganz ähnlich wie Ravioli. Abends bin ich mit den Gästen oft vor der Hütte gesessen und habe mit ihnen geredet. So konnte ich einerseits viel für meine Deutschkenntnisse tun und anderseits die Leute über das Angebot meiner Trekkinggesellschaft informieren.

Die Landschaft in den Bergen Graubündens ist jener in Nepal sehr ähnlich. Allerdings liegt die Vegetationsgrenze in meinem Heimatland höher. Daher hatte ich hier auf der Keschhütte stets den Eindruck, mich auf 3500 statt nur auf 2600 Meter über Meer zu befinden.

Als Expeditionsleiter trage ich zu Hause grosse Verantwortung, denn ich muss die Gegend und die Pfade genau kennen. Gleichwohl kann immer etwas passieren. Vor drei Jahren stürzte ich auf einer Expedition in eine Gletscherspalte, konnte mich aber selbst wieder befreien. Während meiner Ausbildung hatten wir einen solchen Zwischenfall geübt.

Ein anderes grosses Thema ist die Höhenkrankheit: Wir müssen ihre Anzeichen sicher erkennen können. Kopfweh, rote Augen, ein unsicherer Gang, die Weigerung zu essen: Das sind untrügliche Symptome, dass jemand von der Höhenkrankheit befallen ist. Dann hilft nur noch der Abstieg – jeweils um etwa 500 Meter, bis sich der Zustand bessert.

Im Gebiet rund um die Keschhütte ist die Höhenkrankheit kein Thema, die Berge sind zu wenig hoch. Die Schwierigkeiten liegen anderswo: Als ich einmal mit einer Gruppe auf dem Piz Kesch war, wurde die Trekkingtour unverhofft zur anstrengenden Kletterpartie. Man sollte in den Bergen nie übermütig werden: Berge sind immer gefährlich – egal, ob in der Schweiz oder in Nepal.

Die Leute sind auf den Expeditionen manchmal unvernünftig. Manche Teilnehmer sind der Meinung, ein Gipfel müsse unbedingt bezwungen werden, auch wenn sich das Wetter verschlechtert oder sie selber konditionell überfordert sind. Sie denken: Wir haben bezahlt, deshalb muss auch alles genau so ablaufen, wie es im Programm vorgesehen ist. Als Expeditionsleiter braucht es in solchen Situationen viel Durchsetzungsvermögen und diplomatisches Geschick.

Die Gehirnleistung lässt nach
Vor einigen Jahren bestieg ich den Mount Everest, den höchsten Berg der Erde. Wir brachen mit unserer Expedition gleich zwei Rekorde. Wir waren 18 Teilnehmer; eine so grosse Gruppe gab es noch nie auf dem Everest. Darunter war ein blinder Bergsteiger – auch das war eine Premiere.

Die Besteigung des Everest stellt höchste Anforderungen an die Kondition. Den letzten Aufstieg vom obersten Basislager aus nehmen die Expeditionsmitglieder unausgeschlafen in Angriff, denn um Mitternacht muss man aufbrechen. Wer später geht, für den reicht die Zeit kaum noch. Ausserdem hat der frühe Start den Vorteil, dass der Schnee hart und deshalb noch gut begehbar ist.

In einer solchen Höhe bedeutet jeder Schritt eine enorme Anstrengung. Tagsüber weht immer eine kalte Bise im Everestgebiet. Die Temperaturen steigen selten über 20 Grad minus, die Kälte ist ein ständiger Begleiter. Auch das Gehirn lässt in seiner Leistung nach. Ich rate jedem, während des Aufstiegs die Gedanken nicht abschweifen zu lassen, sondern sich immer fest auf ein Ziel zu konzentrieren: die Erreichung des Gipfels.

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