Was mich hier in der Schweiz am meisten erstaunt hat, ist das Klima. Bei uns in Madagaskar sinkt die Temperatur auch im Winter kaum unter 20 Grad. Selbst dann aber tragen wir bereits warme Pullover. Hier empfinden die Leute 20 Grad schon als angenehm warm und sommerlich. Und noch etwas ist mir ganz zu Beginn schon aufgefallen, sowohl in Zürich als auch in den Dörfern in Graubünden: Es gibt kaum Menschen in den Strassen. Ich wohne in Maroantsetra. Maroantsetra liegt am Rand des Masoala-Nationalparks im Nordosten Madagaskars. In Maroantsetra sind die Strassen zu jeder Tageszeit belebt.

Stark beeindruckt hat mich der Respekt der Leute. Ich habe den Eindruck gewonnen, dass sich die Menschen hier gegenseitig respektieren. Im Strassenverkehr beispielsweise halten sich die Leute strikt an die Regeln, niemand bedrängt den anderen, und im persönlichen Umgang ist man höflich und freundlich.

«Die Augen des Waldes»


Aber auch der Umwelt wird hier grosser Respekt entgegengebracht. In dieser Hinsicht können wir uns an der Schweiz ein Beispiel nehmen. Obwohl wir in Madagaskar Fortschritte machen, ist das Bewusstsein für den Wert der Natur noch nicht genügend ausgeprägt. Probleme bereitet vor allem der Raubbau an den Edelhölzern: Palisander, Rosen- und Ebenholz. Der Export von Ebenholz ist verboten – vor zwei Jahren hat die Regierung den Holzabbau stark eingeschränkt. Trotzdem kommt es immer wieder vor, dass Wilderer im Nationalpark Bäume fällen.

An der Planung und der Ausführung der Masoala-Halle des Zoos Zürich haben viele Spezialisten aus Madagaskar mitgeholfen. Um sich zu bedanken, hat uns der Zoo für eine Woche in die Schweiz eingeladen, um das Resultat zu begutachten. Die Atmosphäre in der Halle gleicht noch nicht ganz ihrem Vorbild. Einige Pflanzen, Palmen beispielsweise, kommen zwar auch im Masoala-Regenwald vor, sind aber nicht typisch für Madagaskar, sondern wachsen an vielen Orten der Welt, zum Beispiel in Südamerika. Es wäre wünschenswert, mehr Pflanzen zu setzen, die nur in Madagaskar vorkommen.

Bei den Tieren ist es etwas schwieriger, ein funktionierendes Ökosystem zu schaffen. Was die Vielfalt der Pflanzen- und Tierwelt betrifft, reicht die Halle bei weitem nicht an das Original heran. Das ist aber nicht weiter erstaunlich: Der Masoala-Regenwald gehört zu den artenreichsten Regionen auf der ganzen Welt. Das Wort Masoal hat mehrere Bedeutungen. Es kann heissen «die Augen des Waldes», aber auch «sehr, sehr dichter Wald». Auf einer Fläche von nur zehn auf zehn Metern wachsen über 100 verschiedene Pflanzenarten.

Auf der Insel zählt man über 10000 Pflanzenarten. Die im Vergleich geringe Artenvielfalt hat mich nicht nur in der Masoala-Halle erstaunt. Auch in den hiesigen Wäldern ist die Biodiversität viel kleiner als in Madagaskar. Unser Regenwald ist voll von Insekten, Käfern, Schmetterlingen.

Für unseren Nationalpark ist die Masoala-Halle des Zoos Zürich sehr wertvoll. Die Besucherzahlen haben deutlich zugenommen. Die Touristen kommen aus der Schweiz, aber auch aus Deutschland. Auch die finanzielle Unterstützung, die uns der Zoo Zürich für diverse Mikroprojekte zukommen lässt, ist sehr willkommen. Das Geld ermöglicht uns etwa, in den Reisplantagen Dämme zu errichten, die eine gleichmässige Bewässerung der Felder sicherstellen. So können wir auf der gleichen Fläche mehr Reis – das Hauptlebensmittel in Madagaskar – ernten. In der Zwischensaison, wenn die Touristen ausbleiben, arbeite auch ich in einer Reisplantage.

Bäume ohne Laub sind erstaunlich


Die europäischen Wälder stellen sich viele von uns in Madagaskar als reine Nadelwälder vor. Im Naturzentrum Sihlwald habe ich gesehen, dass es auch in Europa Wälder gibt, in denen nur Laubbäume wachsen. Und warum, so habe ich mich weiter gewundert, heisst eigentlich nur der tropische Wald Regenwald, wo es doch auch hier in den Laubwäldern regnet?

Natürlich gibt es neben Gemeinsamkeiten auch Unterschiede. Der madagassische Regenwald bleibt während des ganzen Jahres grün, hier verlieren im Herbst die Laubbäume ihre Blätter – eine erstaunliche Vorstellung für einen Madagassen.

Aus dem Naturzentrum Sihlwald nehme ich viele Ideen und gute Ausstellungsideen wie etwa den Barfussweg mit nach Hause. Ohne Schuhe muss man über Erde, Kies oder Äste gehen. So gewinnt man einen neuen Zugang zum Wald. Oder manche der Lehrtafeln, die von einer mechanischen Klappe verdeckt werden: Das hat mir gezeigt, dass nicht immer alles blinken und leuchten muss. Man kann eine Ausstellung auch mit einfachen Mitteln sehr lehrreich gestalten.

Schneelandschaft wie wild fotografiert


Der Höhepunkt unserer Reise war für mich der Besuch des Nationalparks im Engadin. Auf den höchsten Bergen in Madagaskar liegt zwar manchmal Schnee. Das ist aber selten. Eine vollständig verschneite Landschaft wie im Nationalpark habe ich noch nie gesehen. Ich habe wie wild fotografiert, um die Bilder zu Hause zu zeigen.

Dass es möglich ist, auf Schnee zu laufen, kann man sich bei uns gar nicht vorstellen. Und dann die Tiere! Schwer zu glauben, dass sie im Winter überleben können. Alle Nahrung ist ja unter dem Schnee versteckt. Das Ökosystem des Schweizer Nationalparks ist von jenem in Masoala wirklich sehr verschieden. Ich habe viel gelernt – und den Umstand, dass ich die Gelegenheit zu einem Besuch hatte, empfinde ich als aussergewöhnliches Geschenk.

Quelle: Ursula Meisser