Eigentlich habe ich ja mit Volksmusik nichts am Hut. Meine Komposition ist eher aus Zufall entstanden. Seit ich ein Kind war, komponiere ich Musik und bin immer auf der Suche nach Möglichkeiten, dass meine Stücke auch aufgeführt werden. Im Internet stiess ich auf die Website von «Alphorn in Concert». Dort war ein Kompositionswettbewerb ausgeschrieben für Alphorn und Volksmusikforma tion. Ich musste mich erst informieren, wie man Volksmusik schreibt, weil das für mich neu war. Zum Glück gab es auf der Website einige Musterstücke, an denen ich mich orientieren konnte.

Die Vorgabe des Wettbewerbs verlangte eine Komposition für Alphorn und Volksmusik-Combo, also für zwei Klarinetten, Akkordeon und Kontrabass. Ich habe mich einfach hingesetzt und etwas probiert. Eine Trompete kann alle Töne spielen, auf dem Alphorn hingegen steht nur die so genannte Naturtonreihe zur Verfügung. Grosse Tonsprünge sind nicht möglich, und auch beim Tempo ist schnell die Grenze erreicht.

Ich habe also ein wenig mit den Naturtönen herumgespielt und dann am Computer die Begleitmusik fertig gestellt. Für mich war es eine Herausforderung, mit diesen Beschränkungen zu versuchen, etwas Tolles zu schaffen. Mein Stück besteht aus mehreren Sätzen. Der erste Satz ist ein Marsch, weich und etwas jazzig, im zweiten, langsameren Satz kommt die weh mütig-traurige Seite zum Ausdruck. Der Schluss ist ein Walzer. «Kleine Alphorn suite» heisst das Ganze.

Mit sechs erstmals komponiert
Im Februar habe ich mein Stück zum Briefkasten gebracht. Ich habe mir nichts dabei gedacht. Anfang Mai erhielt ich Bescheid: Die Komposition habe es mit sieben weiteren Stücken in die Endausscheidung geschafft. Ich war sehr überrascht. Dem Brief war eine Einladung ans Finale beigelegt. Ich wusste anfänglich gar nicht, ob ich die Reise nach Oensingen würde machen können. Von Hamburg ist es ja doch ein ordent liches Stück Weg, der mit hohen Kosten verbunden ist. Ich teilte den Verantwortlichen meine Bedenken mit. Freundlicherweise erklärte sich der Verein «Alphorn in Concert» bereit, mir die Reise zu bezahlen. Ich stieg also abends in den Zug und war am nächsten Morgen in Oensingen.

Mit sechs Jahren begann ich zu komponieren. Ich lernte damals Blockflöte. Die Stücke, die uns unsere Lehrerin gab, fand ich zu einfach. Also habe ich ein eigenes komponiert. Ich versuche, mich musikalisch auf möglichst vielen Feldern zu be wegen. Ich habe schon Stücke geschrieben für Klavier und für Orchester.

Wenn ich ernsthaft komponiere, befasse ich mich über mehrere Monate mit den Motiven, schreibe Melodien auf, notiere Verzierungen. Aber ich schreibe auch Musik, bei welcher der Spass im Vordergrund steht. Für eine befreundete Band habe ich ein paar Popmusikstücke geschrieben. Mit den Auftritten sollten die Abiturfeierlichkeiten finanziert werden. Die Band hat an den verschiedensten Orten gespielt, unter anderem in Altersheimen. Der Erfolg war gross, zum Schluss kam ein ganz ordentliches Sümmchen zusammen.

In Oensingen gab es am Nachmittag eine Hauptprobe. Da habe ich zum ersten Mal ein Alphorn gesehen und auch zum ersten Mal das Stück gehört. Es klang nicht bis ins Detail so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Es war ein wenig gekürzt worden, sonst hätte es nicht auf die CD gepasst, die von den Finalstücken produziert wurde. Sehr positiv überrascht war ich vom Klang des Alphorns, der Ton ist sehr weich.

Am Abend fühlte ich mich schon ein wenig als Exot. Zwar war ich nicht der einzige Deutsche, auch ein Münchner hatte es in den Final geschafft. Aber ich war mit Sicherheit der Einzige aus dem Norden. Die Stücke wurden anonym aufgeführt, nur mit einer Nummer versehen. Niemand wusste, wer welches Stück komponiert hatte. Das Publikum stimmte ab, dann wurde die Rangliste verkündet. Der Moderator fing mit dem letzten Platz an, und ich erwartete, dass jetzt mein Name genannt würde. Aber der letzte Platz ging an jemand anders, ebenso der zweitletzte. Ich kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Dass meine Komposition schliesslich den ersten Rang erreichte, konnte ich gar nicht fassen. Ich war extrem überrascht.

Das Alphorn hat ja keine Tasten
Als Preis für meinen Sieg erhielt ich ein Alphorn. Ich mache davon hier in Hamburg regen Gebrauch. Allerdings nicht, indem ich darauf spiele, sondern indem ich es herumschleppe und meinen Freunden und Bekannten zeige. Ich selber werde kaum lernen, darauf zu spielen. Das Alphorn hat ja keine Tasten. Ich habe mir sagen lassen, dass man sich die Töne vorstellen müsse, damit sie gut klingen.

Vergangenen September strahlte der Norddeutsche Rundfunk den zweiten Satz der «Kleinen Alphornsuite» aus, gespielt von Mitgliedern der Hamburger Philharmoniker und des NDR-Symphonieorchesters. Der Sieg beim Komponistenwettbewerb in Oensingen hat mich gefreut. Stolz bin ich aber nie auf meine Stücke. Ich glaube, wenn ich allzu zufrieden bin mit meinen kompositorischen Leistungen, hindert mich das daran, besser zu werden. Und ich habe noch viel vor. Vor wenigen Wochen habe ich an der Hochschule für Musik und Theater mein Kompositionsstudium auf genommen. Ob ich je wieder für Alphorn komponieren werde, weiss ich nicht. Aber wer weiss. Man soll niemals nie sagen.

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