Gerade in der kalten Jahreszeit ist unsere Anlaufstelle voll. In unserem «Christenhüsli» gleich neben der Zürcher Langstrasse bekommen Süchtige, Obdachlose und Prostituierte tagsüber eine Mahlzeit, einen Platz in der warmen Stube und ein liebes Wort. Täglich kochen wir für 30 Personen, und manchmal schläft sich ein Obdachloser im Hinterzimmer aus.

Wir sind ein christlich geprägtes Hilfswerk. Unsere Mahlzeiten sind gratis, auch wenn dies eigentlich kontraproduktiv ist. Süchtige könnten vom Geld der Sozialhilfe oder der IV leben, aber sie kaufen damit oft Drogen. Und fürs Essen reicht es dann nicht mehr.

Es ist ein Dilemma: Einerseits ruft uns Gott auf, barmherzig und grosszügig zu sein, anderseits weiss ich, dass ich den Süchtigen nicht trauen soll, wenn es um Geld geht. Wir geben grundsätzlich kein Bares. Wenn ich jemandem eine Bahnfahrt finanziere, begleite ich ihn an den Bahnhof und nutze die Zeit, um mit ihm etwas in Kontakt zu kommen. Dann löse ich den Fahrschein und lasse diesen abstempeln, damit er ihn nicht nachträglich zu Geld machen kann. Nach über 15 Jahren Gassenarbeit merke ich intuitiv, ob jemand wirklich in Not ist oder sie nur vorspielt.

«Komm wieder und bring uns Hoffnung»Ich kam als junger Franziskaner im Jahr 1990 das erste Mal nach Zürich. Ein Mitbruder führte mich direkt auf den Platzspitz in die damalige offene Drogenszene. Das war ein sehr einschneidendes Erlebnis für mich. Ich lernte Rebecca kennen, die sich auf der Bank neben mir Drogen in den Arm spritzte. Noch heute habe ich ihre Stimme im Ohr: «Komm wieder und bring uns etwas von deiner Hoffnung», sagte sie. Darauf beschloss ich, in die Gassenarbeit einzusteigen.

Am Anfang verteilte ich in blindem Eifer Jesus-Prospekte, die die Süchtigen kaum lasen, aber zu Drogenbriefchen und Jointfiltern weiterverarbeiteten. Mit den Jahren begann ich, den franziskanischen Ansatz zu verstehen. Ich lernte, den Menschen zu dienen und nur dann vom Glauben zu erzählen, wenn mich jemand danach fragt. Es bringt nichts, wenn die Leute an einem ganz anderen Ort stehen.

Zuerst arbeitete ich auf dem Platzspitz, dann kam der Letten, und heute sind die Süchtigen an der Langstrasse anzutreffen. Die Drogenszene ist zu vergleichen mit einem Krebsgeschwür: Die Stadt hat es wohl mit der Schliessung des Lettens entfernt, aber wer sucht, findet die Metastasen hinter vielen Hausmauern. Und die Langstrasse ist eine stets aufbrechende Wunde: Hier wird immer wieder offen gedealt.

Doch es hat sich viel verändert in den letzten 15 Jahren. Den reinen Junkie, der nur Heroin spritzt, gibts kaum noch. Heute wird vieles durcheinander konsumiert: Heroin, Kokain, Haschisch, Alkohol und Psychopharmaka. Die Süchtigen sind besser integriert, sie bekommen Methadon, und es gibt diverse Stützangebote fürs Wohnen und Arbeiten.

Das soziale Auffangnetz der Stadt funktioniert wirklich gut. Die Obdachlosen haben eine klare Tagesstruktur: Notschlafstelle, Methadonabgabe, dann bei uns Morgenkaffee. Anschliessend tratschen und dealen sie eventuell etwas an der Langstrasse, und nach dem Mittagessen besuchen sie den Sozialarbeiter oder sonst eine Anlaufstelle.

Doch es gibt immer Menschen, die auch durch diese Maschen fallen. Sie sind nirgends mehr angemeldet, haben kein Obdach oder keine Ausweispapiere. Diese versuchen wir dann aufzufangen und wieder ins System einzufädeln. Es sind Menschen, die wirklich am Rand leben, oft chronisch Süchtige mit zusätzlichen schweren psychischen Störungen.

Ich suche pragmatische Lösungen. Ein Ausstieg aus den Drogen ist vielleicht nach drei Suchtjahren noch möglich, nachher wird der Weg zurück ins Leben zunehmend schmerzhafter und schwerer, auch wenn es immer wieder wundersame Ausnahmen gibt. Bereits auf der Gasse ist das Leben hart. Doch das Leid, das Obdachlosigkeit, falsche Freunde und Armut mit sich bringen, kannst du mit Drogen betäuben. In der Therapie kommen nach den körperlichen Entzugserscheinungen die innere Spannung und die Leere ungefiltert ins Bewusstsein. Du musst realisieren, dass du keinen Job mehr hast, keine Freunde, dass deine Gesundheit vielleicht ruiniert ist und du bis über beide Ohren verschuldet bist. Das ist hart. So dränge ich Süchtige nicht zu einer Therapie. Wenn sie reif dafür sind, gehen sie selber.

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Alternativen zur Droge aufzeigen
Oft höre ich nur zu. Leider versprechen Süchtige viel, wenn der Drogenmix stimmt. Schwierig auszuhalten ist, dass oft keine konkreten Schritte folgen. Doch ich werde von meinem Orden gerade auch zu den hoffnungslosen Fällen geschickt: Kranke besuchen, Beerdigung organisieren, Pakete ins Gefängnis schicken. Diese Aufgaben verrichtet normalerweise die Familie, doch Süchtige haben oft keine mehr.

Für diese Arbeit bin ich von meinem Orden freigestellt. Wie alle Franziskanerbrüder versuche ich, mich nur mit dem Notwendigen im Leben zufrieden zu geben. Alles, was ich an Spenden oder für meine Referate erhalte, kommt der Gassenarbeit zugute.

Ich halte oft Vorträge an Schulen. Es ist mir wichtig aufzuzeigen, dass es immer eine Alternative zu Drogen gibt. Wer einen Freundes- und Familienbezug pflegt, Arbeit und Hobbys hat und dabei eine gesunde Spiritualität lebt, trägt wesentlich dazu bei, dass sein Leben glücklich verläuft. Er kommt weniger in Versuchung, etwas mit Drogen zu kompensieren.

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