Den Augenblick, als wir im Hafen der mauretanischen Hauptstadt Nouakchott unseren Seecontainer öffneten, werde ich so schnell nicht mehr vergessen. Das war ein Schock! Im Innern des Containers herrschte ein heilloses Durcheinander. Alles, was wir in der Schweiz sorgfältig gepackt hatten, lag jetzt drunter und drüber. Das Schlimmste aber war: Unsere Computer waren verschwunden. Wie sich später herausstellte, waren sie vermutlich bereits in Antwerpen gestohlen worden. Für die Diebe dürften die stark modifizierten Rechner kaum von grossem Wert gewesen sein – für unsere Expedition waren sie unentbehrlich.

Der Schlag traf uns hart. Rund 60 Tonnen Material hatten wir verschifft. Viele Mitglieder des Teams hatten ihr Leben komplett umorganisiert, um am Projekt teilnehmen zu können. Drei Jahre hatte die Vorbereitung gedauert, und jetzt sollte alles vorbei sein, noch bevor es richtig begonnen hatte? Im Hafen von Nouakchott verliess uns für einen Moment der Mut.

Alle Vorräte wurden weggeschwemmt


Wir waren nach Mauretanien gekommen, um zu forschen. Jedes Jahr ziehen Milliarden Vögel von Europa nach Afrika und wieder zurück. Sie durchqueren auf ihrem Flug auch Gebiete mit einem minimalen Angebot an Nahrung. Wie schaffen sie das? Wie können sie die Barriere von 2000 Kilometer Sand- und Steinwüste der Sahara überwinden? Auf diese Fragen wollten wir mit Hilfe der Radaranlagen eine Antwort finden – und genau das sollte nun durch den Diebstahl der Computer verunmöglicht werden?

Die gedrückte Stimmung hielt exakt 24 Stunden lang an. Dann ging ein Ruck durch das Team. Es war eine Trotzreaktion. «Jetzt erst recht», hiess die Devise. Wir beschlossen, eine Reserve-Radaranlage aus der Schweiz einfliegen zu lassen.

Beschwerlich, jedoch unaufhaltsam ging es weiter. In Ouadane, dem Standort einer von zwei Radarstationen, überraschte uns ein Jahrhundertsturm. Ouadane ist ein Beduinendorf und liegt rund 650 Kilometer im Landesinnern Mauretaniens. Der Sturm zog auf, unmittelbar nachdem die Einrichtung des Camps abgeschlossen war. Ein Wüstensturm ist ein beeindruckendes Naturschauspiel: Der vom Wind herumgewirbelte Sand färbt den Himmel gelb. Es wird dunkler und dunkler. Dann bricht der Regen los, grosse Tropfen, wie man sie von tropischen Regenstürmen kennt.

Innert kürzester Zeit wälzte sich ein mächtiger Fluss durch das Gebiet, wo unser Camp stand. Ich schätze, der Fluss war rund einen halben Meter tief und etwa 30 Meter breit. Unser ganzes Zeltlager wurde einfach weggeschwemmt. Die Vorräte, die Zelte, die Kücheneinrichtung und diverses persönliches Material: auf Nimmerwiedersehen verschwunden. Wir mussten alles in Nouakchott neu einkaufen. Nur der Container, in dem sich das nachgeschickte Radar befand, erwies sich glücklicherweise als standfest – und zur Freude aller sogar als wasserdicht.

Reisen in Mauretanien gilt als vergleichsweise sicher, mit Ausnahme des östlichen Landesteils und dem Grenzgebiet zu Mali. Genau dorthin wollten wir, um herauszufinden, wie sich die dortigen, äusserst unwirtlichen Bedingungen auf den Vogelzug auswirken. Ich schätzte die Gefahr für Leib und Leben trotzdem als relativ gering ein. Denn selbst in Algerien wurde den Touristen immer nur an bekannten Routen aufgelauert. Wo wir aber hin wollten, gab es nur Kamele. Was sollte jemand an einem solchen Ort wollen?

Die deutsche Botschaft, mit der wir in engem Kontakt standen, drängte uns aber dazu, bei der mauretanischen Regierung um Begleitschutz nachzusuchen. So stellten wir ein entsprechendes Gesuch. Wir erhielten eine vierköpfige Eskorte. Die vier Soldaten machten ihre Sache tipptopp. Es verging keine Nacht, in der die vier Soldaten nicht auf Patrouille gingen. Falls sich jemand je für uns interessiert haben sollte: Unsere mauretanische Militärbegleitung konnte nicht übersehen werden. Von Räubern und Entführern sind wir denn auch verschont geblieben.

Trotz der Nähe gabs keine Streitereien


Die Arbeit und das Leben in der Wüste waren anstrengend und anspruchsvoll. Je zehn Leute arbeiteten auf den fixen Radarstationen in Schichten. In der Nacht wurde mit dem Radar der Vogelzug quantifiziert. Am Tag beobachteten und protokollierten wir die Vögel von blossem Auge und beurteilten den Zustand der gefangenen Tiere.

Die Temperatur steigt in der Wüste um die Mittagszeit bis auf 50 Grad. Das Essen war eher eintönig: Am Mittag gabs ein Salatbuffet, abends Fleisch, Geiss oder Huhn mit Reis.

In der kleinen Zeltstadt konnte man sich auch abends kaum aus dem Weg gehen. Bei diesen Verhältnissen wäre eigentlich fast zu erwarten gewesen, dass es zu Spannungen kommen würde. Das Gegenteil war der Fall. Die Zusammenarbeit der Teams war fantastisch, Streitereien blieben aus. Für mich gehört dieser gute zwischenmenschliche Umgang zu den eindrücklichsten Erlebnissen in der mauretanischen Wüste.

  • Bruno Bruderer ist Leiter der Zugforschung an der Schweizerischen Vogelwarte Sempach und Professor an der Universität Basel. Er ist zurzeit wieder in Mauretanien unterwegs.
Quelle: Urs Moeckli