Nein, die Kollegen vom Fussballklub fragen mich selten nach meinem Job. Nur ab und zu kommt ein Spruch wie: «Was macht ihr wieder für einen Seich im Bundeshaus?» Sprüche halt. Das Aufregendste in meinen gut 30 Jahren hier war die Bauerndemo 1995. Als Tausende von Bauern mit Bschüttifässern und Motorsägen vor dem Bundeshaus aufkreuzten und versuchten, mit einem Baumstamm den Haupteingang einzurammen und ich es draussen chlöpfen hörte, wurde mir schon ein bisschen schlotterig.

Eigentlich wollte ich Förster werden oder als Holzer nach Kanada gehen. Aufgewachsen bin ich auf einem kleinen Bauernhof im Freiburgischen. Mein Vater war Bauer, hatte fünf Kühe und arbeitete nebenher als Maurer auf dem Bau. Ein Onkel war Briefträger. Der nahm mich in den Schulferien mal mit auf seine Tour. Da hats mich gepackt, und ich bin Pöstler in Bümpliz geworden. Ich habe nie bereut, dass ich ins Bundeshaus gewechselt habe. Wenn ich meine ehemaligen Kollegen so erzählen höre, wie ihnen ein Inspektor mit der Stoppuhr im Nacken sitzt…

Mittelfeldspieler beim FC Nationalrat
Man staunt, wie viel die Parlamentarier schreiben. Während der Session muss ich für sie dreimal pro Tag die Briefkästen leeren. Aber nur die abgehende Post – die eingehende Post ist Sache der Parlamentsweibel. Eine Session heisst für mich vor allem Mehrarbeit. Dann muss ich von morgens um sieben bis abends um sechs auf dem Posten sein.

Die meisten Parlamentarier kennen mich. Manchmal helfe ich als Mittelfeldspieler beim FC Nationalrat aus. Die haben gäng zu wenig Leute. Nationalrat Toni Bortoluzzi ist Vorstopper und Captain. Er ist zwar nicht mehr der Schnellste, aber wer an ihn gerät, rennt an eine Mauer. Nationalrat Müller, wie heisst er noch? Der mit den Chruseli, Geri, der ist im Goal. Adolf Ogi spielte als Nationalrat auch mit. Die Gegner sind Stadträte, Kantonsräte oder höhere Stabsoffiziere. Doch mit dem Tschutten bin ich vorsichtig geworden, seit ich vor drei Jahren eine Diskushernie operieren musste.

Die Betreuung der Bundeshausjournalisten und -journalistinnen ist meine Hauptarbeit. Als ich hier anfing, machte ich vor allem Kurierdienste für sie. Ich pendelte zwischen Bahnhof und Bundeshaus mit den Pressemeldungen. Erhielt ich eine Z-Sendung im grünen Kuvert mit rotem Balken, zum Beispiel für die NZZ in Zürich, schaute ich im Kursbuch nach, wann der nächste Zug fährt. Ich übergab das Kuvert dem Bahnpöstler, und in Zürich wurde es vom NZZ-Pöstler abgeholt; am nächsten Tag stand der Bericht in der Zeitung. Bei kleineren Zeitungen erschienen die Artikel oft mit einem Tag Verspätung, weil die Journalisten diese mit normaler Expresspost schickten.

1975 wurde die Rohrpost eingeführt. Die Texte gingen von hier bis zum Bollwerk beim Bahnhof, wurden abgetippt und dann per Telex an die Redaktionen weitergeleitet. Eine ältere Bundeshausjournalistin brachte es mal fertig, das zusammengerollte Papier ohne Dose per Rohrpost zu spedieren. Hui! Am Nachmittag rief mich das Telexamt beim Bahnhof an: «Warum habt ihr heute überhaupt keine Berichte?» Sie hätten noch nichts bekommen. Das Papier der Dame hatte die Leitung verstopft. Das Rohr musste geöffnet und das Papier mit einem Staubsauger oder was weiss ich rausgeholt werden.

Da kommt viel Papier zusammen
1985 kam der Fax, dann folgten Computer und Internet. Die Arbeit geht mir trotzdem nicht aus. Neu muss ich auch Botschaften des Bundesrats, Gesetzesfahnen und sämtliche Unterlagen für die Medien verteilen. Da kommt eine Menge Papier zusammen. Ich kenne alle akkreditierten Journalisten persönlich, mit den meisten bin ich Duzis. Alles ist in den letzten Jahren hektischer geworden: 1980 waren erst 76 Journalistinnen und Journalisten im Bundeshaus akkreditiert, heute sind es 135.

Früher, so scheint mir, haben die Agenturen mehr recherchiert, weil weniger verlautbart wurde. Heute bringen sie eher, was kommt, was ihnen serviert wird – sie müssen wählen aus der Flut von Informationen. Besonders gegen das Wochenende zu sind die Journalisten und Journalistinnen der Sonntagspresse wie auf Nadeln, gilt es doch, eine gute Story zu finden.

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Furgler war auch nett
Auch im Rat ist es hektischer geworden. Da ging es zwar noch nie diszipliniert zu und her, aber was da heute abgeht… Wenn Abstimmung ist, werden die Parlamentarier per Piepser in den Saal beordert, stürmen rein, dann wird hurtig abgestimmt, und schon ist der Saal wieder halb leer.

Politik? Ab und zu schaue ich mir Politsendungen wie die «Arena» an. Aber einen Fussballmatch ziehe ich auf jeden Fall vor. Mit den Bundesräten habe ich wenig Kontakt. Blocher, Schmid oder Deiss, die grüssen mitunter. Momol, das muss ich also sagen. Mit Ogi habe ich öfter übers Skifahren geplaudert. Und Furgler war auch nett.

Das 30-Jährige feierte ich gar nicht – das ist mir erst in den Sinn gekommen, als ich mich auf dieses Interview vorbereitet habe. Ehrlich. Ob man im Bundeshaus im toten Winkel ist? So nah an der Macht, dass man gar nicht viel von ihr mitbekommt? Ich weiss nicht, das habe ich mir noch nie überlegt.

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