Den Knall hörte ich kurz vor halb elf Uhr abends. Es klang merkwürdig dumpf. Ich dachte, oben sei die Wohnwand umgekippt, irgendwas in der Art. Ich rannte aus dem Büro im Keller rauf in die Wohnung, meine Frau stand im Badezimmer und sagte völlig aufgelöst: «Jetzt ist gerade einer ins Schlafzimmer gekommen.» Ich verstand überhaupt nicht, was sie meinte. Die Tür zum Schlafzimmer brachte ich kaum auf, ich musste mich regelrecht dagegenwerfen. Dann stand ich im Zimmer: Schutt und Staub überall, Kühlerdampf, Benzingeruch. Und dort, wo früher die Hauswand war, stand nun ein rauchendes Auto, total demoliert.

Sofort rannte ich aus dem Haus, durch das Loch im Zaun auf die Strasse. Dort sah ich den Fahrer des Wagens mit seinem Kollegen herumstehen. «Gehts dir eigentlich noch!», brüllte ich ihn an. Der Fahrer war ein junger Kerl, er behauptete, er habe bloss 55 Kilometer pro Stunde auf dem Tacho gehabt. Ich sagte: «Das glaubst du ja selber nicht, mit 55 schaffst du es nicht, den Holzzaun samt Betonfundament zu durchbrechen und mir durch die Hausmauer ins Schlafzimmer zu donnern!» Ich habe ihm wahrscheinlich eine Menge an den Kopf geworfen, ich stand völlig unter Schock und erinnere mich deshalb nicht mehr so genau daran. Was solls! Da rast einem einer ins Schlafzimmer - wie soll man da ruhig bleiben?

Von überall kamen die Schaulustigen
Zum Glück war niemand im Zimmer, als der Wagen die Hausmauer durchbrach. Unsere achtjährige Tochter, die ab und zu bei meiner Frau und mir im Zimmer schläft, war in den Ferien. Meine Frau war auf dem Weg zur Dusche, sie arbeitet nachts und wollte sich vorbereiten. Eine halbe Minute vor dem Knall war sie noch im Schlafzimmer, um sich ein Frotteetuch zu holen.

Meine Mutter wohnt im oberen Stock unseres Hauses und sass vor dem Fernseher, als der Honda in unser Schlafzimmer krachte. Sie glaubte, eine Bombe habe eingeschlagen. Trotz dem Schrecken hat sie sehr besonnen gehandelt und die Ambulanz alarmiert. Kurze Zeit später war die Polizei hier, die Feuerwehr, die Ölwehr. Und die Nachbarn. Von überall her im Dorf kamen die Leute, um zu sehen, was passiert war. Der Knall war weitherum zu hören gewesen. Die Leute trauten ihren Augen nicht: Da steckte doch tatsächlich ein Auto in der Hausfassade. Es wurde schliesslich halb zwei Uhr morgens, bis die Polizei und die Feuerwehr es mit einem Kran dort herausgeholt hatten. Ein Architekt musste das Haus sofort überprüfen - der Honda hatte eine tragende Mauer durchbrochen, man wusste nicht, ob die Statik beeinträchtigt war.

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In der Not muss man zusammenrücken
Na ja, es hielt zum Glück. Und am Tag darauf wurde sicherheitshalber das riesige Loch in der Wand zugemauert. Bald kommen die Handwerker, machen den Boden neu, das Fenster, beheben alle Schäden. Aber wahrscheinlich dauert es noch Wochen, bis das Zimmer wieder bewohnbar ist. Solange schlafen wir zu viert im Kinderzimmer, meine Frau, die Tochter, der Sohn und ich. Ich habe eine grosse Luftmatratze gekauft. Es ist eng, aber in der Not muss man halt zusammenrücken.

Das Haus steht hier seit 1952, und passiert ist so etwas noch nie. Ich bin wütend auf den Raser, der in unser Schlafzimmer gedonnert ist, und wütend auf alle anderen, die über die Strassen preschen und nicht wissen, was sie mit ihrer Raserei anrichten können. Als ich 20 war, hatte ich auch einen schnellen Wagen. Aber ich hatte Respekt vor der Geschwindigkeit. Ich wusste genau: Wenn du zu schnell unterwegs bist, verräumts dich irgendwann. Da verlierst du die Herrschaft über das Fahrzeug. Das habe ich respektiert. Aber diese Raser, die sehen die Gefahr nicht. Oder sie nehmen sie bewusst in Kauf, keine Ahnung.

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Der Fahrer hat sich nie gemeldet
Klar, wir sind froh, dass niemand ernsthaft verletzt wurde. Aber es wird nicht mehr so sein wie früher, nie mehr, auch wenn das Schlafzimmer wieder intakt ist. Man fühlt sich irgendwie angegriffen, verletzt. Die eigenen vier Wände sind der Ort, an dem man sich wohl fühlt, an den man sich zurückzieht, um neue Kräfte zu tanken. Sie sind ein sicherer Ort. Und der sicherste Ort darin ist das Schlafzimmer. Das dachte ich immer. Und dann rast mir einer ausgerechnet ins Schlafzimmer. Wie wäre das herausgekommen, wenn wir bereits im Bett gelegen wären? Ich mag gar nicht daran denken. Was bleibt, ist das flaue Gefühl, das mir sagt: «Nicht einmal im Schlafzimmer bist du mehr sicher.» Am wohlsten wäre mir, wenn ich vor dem Zaun zwei oder drei tonnenschwere Findlinge aufstellen könnte. Dann könnte so ein Unfall nie mehr passieren.

Vom Fahrer habe ich bis heute nichts mehr gehört. Seine Mutter war kurz nach dem Unfall hier. Sie sah sehr mitgenommen aus und entschuldigte sich für ihren Sohn - dabei kann sie ja gar nichts dafür. Ich würde es schätzen, wenn ihr Sohn sich bei uns melden würde. Wenn er mir ins Gesicht schauen und sich entschuldigen würde.

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