Als ich die Anfrage erhielt, ob ich das machen wolle, sagte ich: «Cool, mach ich!» Diese Chance, ins Bundeshaus zu kommen, hat man wahrscheinlich nicht oft. Als ich das erste Mal vor dem Gebäude stand, dachte ich mir: «Wow, das ist megagross, megaschön und so. Nur: Was soll ich da drin bloss machen?» Ich hatte überhaupt keine Ahnung, besass nur den Prospekt der Kinderlobby.

Der Betrieb in der Wandelhalle während der Session ist völlig chaotisch. Alle zehn Minuten wird der Plan geändert, und Zeiten werden sowieso nicht eingehalten. So viele Leute sind hier: Politiker, Journalisten, Lobbyisten, Zuschauer. Aber es klappt trotzdem irgendwie, obwohl es ein riesiger Chaotenhaufen ist. Es braucht Mut, Parlamentarier anzusprechen. Die sehen aus, als ob sie alles wüssten und keine Zeit hätten. Es gibt aber auch solche, die ständig käfelen und Zeitung lesen.

Nein, ich möchte keine Krawatte tragen. Die meisten Politiker tragen eine, das stimmt - sogar in der SP. Aber Kinder tragen keine Krawatten. Ich will klar markieren, dass ich ein Kind bin, schliesslich möchte ich natürlich rüberkommen. Ob ich eine tragen würde, wenn dafür Leute mit mir reden würden, die das sonst nicht tun? Das habe ich mir noch nie überlegt. Vielleicht muss ich doch mal eine Krawatte mitnehmen. Ich hoffe aber, dass es nicht so weit kommt.

«Immer musst du lächeln»
Und wenn schon eine Krawatte, dann eine mit Micky-Maus-Figuren drauf. Um ein Zeichen zu setzen, aber gleichzeitig auch zu markieren: Hey, ich bin noch ein Kind! Ich versuche mich schon ein wenig anzupassen. Ich kann ja nicht im Hippie-Style da reingehen, das würde dann doch provozieren. Zum Glück gibt es einen Nationalrat mit Rossschwanz. Ich trage mein Haar nämlich auch so.

Viel Zeit geht beim Warten drauf. Dann gehe ich manchmal auf die Tribüne, um den Ratsbetrieb zu beobachten. Die Lobbyarbeit ist ziemlich anstrengend, verlangt Konzentration. Es ist laut rundherum. Ein Gehetze, Interviews, Fotos, immer musst du lächeln. Manchmal bin ich auch nervös. Ich vergesse dann beim Reden Sachen, die mir erst nachher in den Sinn kommen. Dann denke ich: «Scheisse, das wollte ich ja auch noch erwähnen!»

Mit einigen Parlamentariern bin ich Duzis, aber das sind Ausnahmen. Manchmal weiss ich nicht mehr, mit wem. Das kann schon peinlich werden. In der laufenden Sommersession möchte ich mit dem Nationalratspräsidenten sprechen. Ich werde auch versuchen, Moritz Leuenberger zu kriegen. Diesen Bundesrat mag ich am besten. Er hat eine witzige Art zu reden, ist nicht immer so streng. Er macht, was er gut findet. Hat seinen eigenen Style.

Zeitungen lese ich nur oberflächlich, ich verfolge vor allem meine Kinderthemen. Ich habe einfach nicht so viel Zeit. Wenn in der Tageszeitung steht, dass Bundesrat Joseph Deiss zurücktritt, reicht mir diese Information. Wieso soll ich die restlichen zwei Seiten über ihn auch noch lesen? Ich lese lieber recherchierte Hintergrundartikel im «Magazin» oder in der «Weltwoche». Lesen und Schreiben sind generell nicht so mein Ding. Ich rede lieber.

Das Bundeshaus schreckt Kinder ab. Es ist gross und mächtig. Und in der Eingangshalle diese Riesentreppe mit dem roten Teppich. Am oberen Ende drei Statuen. Die sehen aus wie Figuren aus «Lord of the Rings». Das ist schon eine Machtdemonstration. Und dieser kalte Stein. Das alles ist nicht kinderfreundlich. Da muss man sich nicht wundern, wenn Kinder sich nicht für Politik interessieren. Ich erwarte nicht, dass es einen Spielplatz hat.

Wie bitte? Wieso nicht? Das ist eine gute Frage. Die Parlamentarier haben ja auch Kinder. Ja, man müsste eigentlich einen Spielplatz und eine Kinderkrippe einbauen. Das wäre auch was für die vielen Kinder, die als Besucher ins Bundeshaus kommen. Es ist schliesslich ein Haus des Volkes. Es steht ja überall angeschrieben: zum Wohl des Volkes.

«Überhaupt nicht wie in der ‹Arena›»
Drinnen ist heile Welt. Nichts ist schlecht, alles perfekt und sauber. Selbst politische Gegner sind befreundet. Der Chef der Auns grüsst die grüne Nationalrätin ganz freundlich: «Hoi, wie goots?» Das ist überhaupt nicht so aggressiv wie in der «Arena». Wenn einer im Saal vorne am Pult spricht, ist das fürs Fernsehen und die Tribüne. Im Saal lesen sowieso alle Zeitung - es interessiert sich anscheinend keiner für den, der vorne spricht. Die Stimmung im Saal ist sehr freundlich, gar nicht so kämpferisch, wie man erwarten würde.

Wenn du in den Zeitungen immer nur diese vergoldeten Bilderrahmen in der Wandelhalle siehst, dann zeigt das auch: Wir haben es schön und gediegen. Und genau diese Ausstrahlung, dieses Allwissende und Mächtige, schreckt uns Kinder ab. Wir Kinder sind schliesslich die Zukunft. Wir müssen die Fehler der heutigen Parlamentarier ausbügeln.

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