Sprosse für Sprosse steige ich die 26 Meter hohe Leiter bis zur Plattform hoch, von der wir Cliff-Diver herunterspringen. Die Absprungplatte für den Wettkampf wurde direkt in den Felsen unter dem monegassischen Fürstenpalast gehauen. Die Nervosität steigt von Tritt zu Tritt. Oben warten schon zwei andere Springer, die vor mir dran sind. Wir sprechen nicht miteinander. Endlich wird mein Name aufgerufen, ich winke dem Publikum zu, es applaudiert. Dann wird es ganz ruhig, kein Mucks ist zu hören. Ich schiebe den Gebissschutz rein, nehme die Startposition ein, hebe die Hände hoch – und bete.

Weltweit gibt es zirka 30 Klippenspringer, ich bin mit meinen 19 Jahren der jüngste. Die meisten sind zwischen 25 und 35 Jahre alt. Bis man all die komplizierten Schrauben und Saltos schafft, braucht es ein Training von mindestens zehn Jahren. Ich gehe ins Wassersprungtraining, seit ich neun Jahre alt bin.

Schlimmstenfalls Genickbruch
Ein Sprung aus 26 Metern dauert etwa drei Sekunden. Dabei wird der Körper auf 90 Stundenkilometer beschleunigt; im Wasser bremst man innerhalb von vier bis fünf Metern auf null ab. Die Krafteinwirkung ist extrem und die Verletzungsgefahr gross. Deshalb landen wir auch immer mit den Füssen voran im Wasser – eine Kopflandung wäre viel zu gefährlich. Ist der Körper nicht total angespannt und beim Eintauchen ins Wasser nicht kerzengrade, droht mindestens eine Prellung oder Verstauchung. Im schlimmsten Fall sogar ein Genickbruch.

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Letztes Jahr sprang ich das erste Mal aus 26 Meter Höhe. Ich frage mich oft, weshalb ich das eigentlich tue. Nach jedem Sprung wird mir aber sofort wieder klar: Das Fliegen, dieses Freiheitsgefühl, das ist der Hammer! Nur ich und meine Badehose, keine Hilfsmittel, das ist der reine Genuss, ein einmaliges Gefühl. Ich glaube, dass ich mein Können Gott verdanke. Deshalb fange ich im Herbst ein Theologiestudium an der Universität Bern an.

Für einen Sprung wie in Monte Carlo muss man sich ein halbes Jahr lang vorbereiten. Auf dem Wettkampfprogramm stehen ein Pflichtsprung und zwei Kürsprünge: Bei Ersterem ist der Schwierigkeitsgrad vorgegeben, bei den anderen beiden kann man frei wählen.

Im Training kurz vor dem Wettkampf wird nochmals geübt, was man am nächsten Tag vor grossem Publikum zeigen will. Ich wollte in Monte Carlo einen so genannten Quad-half front machen, einen vierfachen Salto mit halber Schraube am Schluss. Dann geschah, wovor sich alle fürchten: Ich hatte während des Sprungs ein Black-out. Ich wusste plötzlich nicht mehr, wo oben und unten war, wo Felsen und wo das Meer. Das war schrecklich. Zum Glück konnte ich mich im letzten Moment mit einem Salto retten und landete auf dem Po, was sehr wehtat. Dabei zerriss meine Badehose – zum Glück hatte ich zwei übereinander an.

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Die anderen Springer waren Zeugen meines Unfalls. So etwas jagt allen Angst ein. Dustin Webster, ein legendärer Springer, kam zu mir und riet mir, den Sprung sofort zu wiederholen. Ich befolgte seinen Rat und sprang noch zweimal hinunter – ohne Probleme.

Dieses Springen in Monte Carlo war mein bislang härtester Wettkampf – sowohl körperlich als auch psychisch. Von den 17 Weltklassespringern haben sich vier verletzt: Es kam zu Muskelrissen, Prellungen, einem Steissbeinbruch und einem ausgerenkten Hüftgelenk. So viele Unfälle in einem einzigen Wettkampf – das gibt einem schon zu denken.

Wir trainieren alle sehr viel. Ich gehe etwa viermal pro Woche zum Turmspringen ins Zürcher Hallenbad Oerlikon und zusätzlich zum Kunstturnen und Trampolinspringen. Das Springen ist eine Leidenschaft, die einen nicht loslässt.

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Mit dem Gebet kommt die Ruhe
Unmittelbar vor dem Sprung versuche ich, mich beim Gebet zu sammeln. Das ist mein Beruhigungstrick. Ich bitte Gott, dafür zu sorgen, dass mir nichts passiert und der Sprung gut gelingt. Das Black-out-Erlebnis hat mir sehr geholfen: Ich habe gelernt, dass ich Fehler korrigieren kann.

Jetzt will ich nochmals den vierfachen Salto mit Schraube zeigen. Ich bin ganz ruhig. Dann springe ich, drehe mich in der Luft, mache mich lang, konzentriere mich, sehe das Wasser unter mir – und tauche ein. Der Sprung ist geglückt. Beim Auftauchen gebe ich mit Handzeichen bekannt, dass alles in Ordnung ist. Die Rettungstaucher, die im Wasser warten, kommen nicht zum Einsatz. Gott sei Dank.